Donnerstag, 6. Oktober 2011

Doris Gercke : "Die Frau vom Meer"

Doris Gercke :
"Die Frau vom Meer"
- Ein Bella Block Roman
2000, Hoffmann und Campe
Umschlagbild: von Gabriele Münter (1917)
248 Seiten
1 Seite Quellenangaben der Gedichte und der Vineta-Sage
ISBN 3-455-02295-2

Bella Block kommt nach 3 Jahren in Rußland - Odessa - Sibirien wieder heim nach Hamburg, und wird ersucht eine angeklagte Frau, die eisern schweigt, zu beobachten um herauszubekommen ob sie ihre drei Kinder ermordet hat oder nicht. Ein ehemaliger Freund in der Polizei ersucht sie darum.
Die Richterin, die Staatsanwältin und der Verteidiger arbeiten sich durch Indizien, befragen den Exmann (nicht die neue junge reiche Freundin), den Kurzzeit-liebhaber und sprechen am Schluß Lara G. frei.

Das Buch begleitet Bella Blocks Weg durch die Stadt, das Gericht, ihre Beobachtungen der Menschen, ihre Besuche in eleganten Lokalen und dürftigen Beisln.
Neutral wird der Geifer des Publikums, böser die Stimmungsmache der Medien durch die Journalisten betrachtet und kommentiert. (dabei spielt das Buch 1999-2000; wie würde der Text 10 Jahre später im Internetzeitalter aussehen?)
Parallel liest sie ein Buch mit Lyrik, das der Angeklagten gehört.

Gedankenfetzten, die kursiv gesetzt sind, beschreiben die Sage um Vineta (offenbar ein anderes nordisches Atlantis ?) und eine Stadt der Frauen, die um zu überleben und die Kinder zu ernähren entweder der Prostitution nachgehen oder LKW fahrer ausrauben.

Das Buch hat mich berührt - ich möchte es gerne nochmals lesen, und kann es Lesern die sich auch auf langsameres Tempo einstellen wollen nur empfehlen.

Sonntag, 25. September 2011

Rosa Cerrato : "Das Böse Blut der Donna Luna"

Rosa Cerrato :
"Das Böse Blut der Donna Luna"
- Nelly Rossi ermittelt
2007, Fratelli Frilli Editori
"La maman de via del Campo"
aus dem Italienischen von Verena von Koskull
2010, Aufbau Taschenbuch
387 Seiten
ISBN 978-3-7466-2661-1

Meine Erwartungen waren : ein schöner dicker Krimischmöker der mich unterhält und fasziniert. Vorneweg : diese Erwartungen wurden erfüllt und der Krimi hat mich in den Bann gezogen; die dezenten Informationen betreffend genuesische Essensspezialitäten habe ich genossen.

Dottoressa Nelly Rosso ist Commisario und eine lebhafte rothaarige Frau, die mit  Sohn Maurizio (Mau) und den drei Katzen Minni, Silvestro und Pippo in Genua lebt.
Mitten im tropenheißen Sommer werden Leichen von enthaupteten jungen schönen Frauen gefunden - ohne Kopf und eigenartig drapiert. Der erste Verdächtige muß entlassen werden, da wieder kopflose Frauenleichen gefunden werden - was den mediengeilen Polizeichef ärgert. Ein Profiler, der aus Amerika nach Italien zurückübersiedelt ist, wird um Verstärkung des Polizeiteams gebeten, was die interne Polizeipsychologin eifersüchtig stimmt. Eifersucht auch deshalb weil sich Nelly mit dem Polizeivize, einem blendend aussehenden höchst charmanten aber beziehungsunfähigen Mann auf freundschaftlicher Ebene bestens versteht und er auch ihre Entscheidungen innnerhalb der Polizei meist unterstützt. Eine Frau, die aus Senegal kam, tw. Frauen hilft, aber auch etwas zwielichtig ist, hilft Nelly mit ihren Zauberkräften (Vodoo ?) ihren Instinkt zu unterstützen und daß am Schluß bei dem besessenen Mörder überlebt. Am Ende sind eigentlich viele Leichen zusammengekommen inkl. einer übereifrigen Journalistin, einem Geistlichen der eine Organisation zur Unterstützung Jugendicher aufgebaut hat, und einem Anwalt der ebenfalls in dieser Organisation mitarbeitet.

Es ist eine starke Geschichte, bei der es vor Menschen, ihren Schicksalen und Einstellungen/Gefühlen wimmelt: Der Sohn dessen Freundin schwanger ist, und beide vor der Matura stehen. Der Polizist dessen Frau ihn nach langen Jahren verläßt weil sie endlich ein Kind will. Die Polizistenkollegin die endlich die Karriereleiter etwas hinauf möchte. Eine Organisiation von wohltätigen Damen, die Ausländerinnen zu Hungerlöhnen einstellen und wie Sklaven arbeiten lassen. Hilfreiche Polizisten und solche die erst zum gelösten Fall erscheinen um das Lob der Medien abzukassieren etc etc etc.

Auf die Spannungen zwischen den Menschen wird genauer eingegangen - v.a. die zwischen Nelly und dem Profiler Alessandro. Erst am Schluß wird der Knoten entwirrt, der zeigt, daß seine Besessenheit (Mutter, Schwester, Mond) hinter den Morden steht - auch wenn er die meisten nicht selbst begangen hat sondern andere als Marionetten einsetzte.

Die tropische Sommerhitze in der Stadt ist greifbar und dicht geschildert, inkl. Wasserknappheit und Gesundheitsprobleme der Bevölkerung.
Nett fand ich die Nebenhinweise auf die ligurischen gastronomischen Köstlichkeiten - diese Liste inkl. Kurzbeschreibung hätte ich gerne nicht nur als Fußnoten, sondern zusammengefaßt am Anfang oder Ende des Buches nochmals nachgelesen.

In Summe ein gutes Buch, das ich trotz seiner Seitenanzahl empfehlen kann/muß.

Donnerstag, 22. September 2011

Edith Kneifl : "Schön tot"

Edith Kneifl :
"Schön tot"
- ein Wien Krimi
2009, Harmon Verlag Innsbruck-Wien
161 Seiten
8 Seiten Rezepte der wiederholt genannten Lokale
keine ISBN Nummer in Buch oder Umschlag zu finden

Mir war nach dem trockenen norddeutschen Krimi nach etwas unterhaltsamen österreichischen zu Lesen gewesen.

Frau Mag. Katharina Kafka arbeitet als Kellnerin in einem der bekanntesten Szenelokale in Margareten, dem 5. Gemeindebezirk Wiens. Die Ordination eines Arztes fliegt in Luft, dessen Putzdame kommt dabei ums Leben, 2 weibliche Tote werden gefunden. Frau Kafka gewährt einem liebenswürdigen Mann, der Frauenkleider liebt, Unterschlupf und redet mit vielen Menschen über die Morde. Am Schluß gibt es eine Leiche (der 'Serientäter') und eine Verletzte mehr; Grund der Leichen war einer der ältesten Gründe zu Mord.

Die Menschen sind unterschiedlich geschildert: die Protagonistin mit ihrer halben Zigeuner/Roma-Abstammung und ihrer Sehnsucht nach New York, die Freunde ihres Großvaters der Polizist gewesen war, unterschiedliche Geschäftsleute der Umgebung, ein schleimiger Makler der gerne ihr Liebhaber wäre, der schwule Freund, etc.

Leider macht das Buch zu lesen immer weniger werdenden Spaß, weil fast auf jeder vierten Seite eine Lobhudelei auf den heimlichen Bezirksvorstand (Zitat), einem erfolgreichen Geschäftsmann inmitten von Margareten, der ein ehemaliger Journalist ist, einsetzt. Es nervt permanent die Gastronomie-Lokale mit Namen genannt zu bekommen und deren Gerichte dort. Auch eine Automarke kommt nervig oft vor.
Auf dem Umschlag steht, daß die 'Wiener Einkaufsstraße'-n gesponsert haben - also ein Marketingwerk, für das der Buchpreis gezahlt werden muß ?

Mittwoch, 14. September 2011

Tatjana Kruse : "Wie klaut man eine Insel?"

Tatjana Kruse :
"Wie klaut man eine Insel ?"
- Ein Borkum-Krimi
2007, Leda-Verlag, Leer, Deutschland
156 Seiten
3 Seiten 'Die Akteure und Aktricen'
1 Seite Vorwort
1 Seite Geleitwort für Borkumreisende
ISBN 3-934927-96-3

Flappsig wird hier beschrieben wie sich ein weinerliches Muttersöhnchen, das sich für einen Philosophen hält, auf einer norddeutschen Ferieninsel als Detektiv versucht.

Ein österreichischer Adeliger meint Ansprüche als Inselfürst zu haben. Ein Doppelgänger von ihm wird ermodet aufgefunden. Die Journalistenmeute erscheint. Ein Revolutzer glaubt daß er die Rolle Fidel Castros für Borkum übernehmen kann. Einige weibliche Personen versuchen die Aufmerksamkeit des Philosophen zu erringen. Die Ehefrau und die Geliebte des zukünftigen Inselfürstes probieren das Gleiche um seine adelige Person. Am Schluß stellt sich heraus, daß der Adelige die Morde begangen hat und die Ansprüche auf einem Spaß von Napoleon begründet sind.

Der Stil des Buches ist zwischen nett flappsig, nett respektlos und einiges ungut respektlos. Vermutlich ist das typisch norddeutscher Humor - tw. gut, tw. flappsig, tw. einfach nur fad.

Die Menschen sind allesamt ungut gezeichnet - ich habe leider keine einzige positive Gestalt gesehen, bis auf die Frau im Blümchenkleid die sich Humor bewahrt hat und den lebensunfrohen Philosophen ins Leben zurückküßt.

Sonntag, 4. September 2011

Patricia Cornwell : "The Front"

Patricia Cornwell :
"The Front"
Paperback edition published 2008 by Sphere, UK
229 Seiten
ISBN 978-0-7515-3965-3

i n   e n g l i s c h e r   O r i g i n a l f a s s u n g   g e l e s e n
Auf deutsch wurde das Buch unter dem Namen "undercover" veröffentlicht.

Win Garano wird von seiner Vorgesetzten Monique Lamont auf einen 45 Jahre zurückliegenden Fall angesetzt. Eine blinde Britin könnte eines der  Opfer des Boston Mörders sein - womit sich eine wunderbare Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit den Briten jenseits des Meeres ergibt.
Ein anderer Handlungsstrang erzählt, daß jede Menge Rohstoffe gestohlen und verschoben werden. Parallel dazu wird geschildert wie politische Machenschaften ablaufen (können) oder wie einer dem anderen eine Falle stellt.
Letztendlich löst "Win" den Fall und es ist klar, daß nicht der Boston Mörder die junge Frau ermordet hat, sondern sie einen Mord auf der Straße an einem Jurymitglied in einem Mordprozeß an einem Mafiamann gesehen hatte (sie war nicht blind gewesen, sondern nur lichtempfindlich), weshalb sie und ihr Freund umgebracht wurden. Auch der Rohstoffdiebstahl wird aufgelöst.

Die Menschen bleiben plakativ: die kalte, schöne, machtbesessene, kalkulierende Lamont, Win der sich gängeln läßt und sie und seine Mitarbeiterin "Stump" schützt oder es zumindest probiert, der schmierige Journalist, der liebenswürdig aussehende aber glatte Politiker. Spaß hat mir eigentlich nur die Schilderung der esoterischen Großmutter gemacht.
Im Hintergrund ziehen Heimatschutz, E-spionage, und die Überzeugung manches Protagonisten, daß jeder zu überwachen sei, ungute Fäden.

Auch wenn ziemlich viele Klischees bedient werden, bin ich froh, das Buch auf englisch gelesen zu haben, denn ich habe einige neue Vokabel dazugelernt.

Sonntag, 7. August 2011

Franz Karl Ginzkey : "Der Kater Ypsilon"

Franz Karl Ginzkey :
"Der Kater Ypsilon"
1. Ausgabe 1926 bei L. Staackmann Verlag, Leipzig
Neuausgabe 1960 Verlag Kremayr Scheriau, Wien
1996 Verlag Die Waage, Zürich - Lizenzausgabe
Mit Scherenschnitten von Susanne Schläpfer
99 Seiten
ISBN 3-85966-063-2

Mir wurde als Gast und Katzenfan an einem verregnetem Sommersonntag im Salzkammergut diese Novelle des Schriftstellers angeboten, dessen Kinderbuch "Florians Reise über die Tapete" meine Volksschulzeit begleitet hatte.

Es ist ein entzückendes Buch, in dem sehr liebevoll auf die Beziehung zwischen Mensch (hier eine junge Witwe) und Katze eingegangen wird.
Die Geschichte handelt von dieser jungen Witwe (mit diesem smaragdäugigen Kater), die wieder beginnt am Attersee in Gesellschaft zu gehen resp. mit dem Boot quer über den See auf Besuch zu fahren (oder gefahren zu werden).
Es ist die Zeit nach Wirtschaftszusammenbruch, Geldverlust und auch Zerbrechen einiger innerer Werte der Gesellschaft.

Ingenieur Titus, der in Rußland Gefangenschaft und Folter überstanden hat, versucht die Dunkelheit, die er erlebt hat, in Philosophie und Metaphysik zu verarbeiten; für ihn sind einige Werte der Gesellschaft zerbrochen.
Das Ehepaar Frohwyn besteht aus der schönen faszinierendem etwas unsteten Baronin und dem liebenwürdigen positiven verläßlichen gutherzigen Baron.
Sylvia, die junge Witwe, wohnt in dem Haus ihrer Eltern am See, hat den Selbstmord ihres Gatten wegen Geldverlustes verarbeitet und nimmt Kater Ypsilon mit seiner 'Selbstgeschlossenheit', 'seinem schönen buschigen Schweif, den er wie ein Fragezeichen hält, das niemand beantworten muß', und dem weißen Fleck im schwarzen Fell zu sich. Der Kater erwartet sie immer wieder am Bootslandesteg, eine Idee, die ich entzückend finde.

Am Schluß finden sich die vier Menschen in anderen Paarkonstellationen wieder und Kater Ypsilon, der einige Zeit verschwunden war, ist auch wieder hier - mit dem 'Schweif gebogen wie ein Fragezeichen'.

Schön sind die Farbschilderungen, die Farbspiegelungen, die Farbenspiele die der Autor auf dem Attersee schildert, manches sind Vokabel aus einer anderen Zeit wie 'mitisgrün', anderes ist vertraut.

Auf dem Buchcover sitzt ein Kater in Scherenschnitt-Technik; weitere Scherenschnitte, die die Linien des Katers einfangen, sind im Buch verteilt. Mir gefallen die Schnitte von Frau Schläpfer sehr gut.

Das Buch kann ich jedem/jeder empfehlen, der/die eine schöne Geschichte / Novelle lesen möchte, jedem Katzenfan und jedem Fan des Salzkammergutes hier v.a. den Seglern und Seglerinnen der Salzkammergutseen.

Samstag, 6. August 2011

Petra Oelker : "Das Bild der alten Dame"

Petra Oelker :
"Das Bild der alten Dame"
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Neuausgabe 2001
Copyright 1999
203 Seiten
ISBN 3-499-22865-3

Der Roman ist ein nette, gut geschriebene Geschichte einer deutschen Journalistin, die nach England gesandt wird um dort eine kitschige Story über eine ältere Dame (eine charmante Lady) zu schreiben, der nach Jahrzehnten ein Gemälde, das sie und ihr gefallener Mann gekauft hatten, und das gestohlen war, durch die Post zugestellt erhalten hatte.

Der Fokus des Buches liegt auf Leo(nore) Pelheim, und wie sich die Menschen um sie bewegen: vom Chefredakteur Johannes, dessen unternehmungslustiger wiffer Mutter Felicitas, die liebenswürdige Lady Amanda Thornbould, deren Neffe der Kunsthistoriker Timothy Bratton, etc.

Leo fliegt zwischen Hamburg und Jersey hin und her, interviewt die alte Dame auf der Insel, besucht einen alten Mann im Rollstuhl in Hamburg, belauscht ein Gespräch zwischen einem großartigen Maler der für eine zwielichtige Guppe höchstwertige Bilder kopiert, ertrinkt fast in der Flut und hilft am Schluß der Polizei.
Im Hintergrund war eine gut organisierte Gruppe gewesen, die berühmte Bilder gestohlen hat, sie kopieren ließ und Menschen mit viel Geld und Geheimnissen um den Originalpreis verkauften.
In das Gemälde, das Lady Thournbold überraschend zurückerhalten hat, hat sich ein deutscher Soldat verliebt gehabt, es gestohlen und erst viel später kopieren und - leider die Kopie - zurückschicken lassen.

Die Geschichte ist nett und gut geschrieben, die Szenerien laufen vor dem Auge ab, die Menschen sind klar skizziert und einige Schilderungen laden zum Schmunzeln ein. Viel Verngügen !