Dienstag, 28. November 2017

Frank Schirrmacher : "EGO - Das Spiel des Lebens"

Frank Schirrmacher :

"EGO - Das Spiel des Lebens"
2013, Karl Blessing Verlag
9 Seiten Vorwort + 272 Seiten  + 1 Seite Danksagung  + 4 Seiten Appendix 'Entwicklungsgeschichte des künstlichen Agenten an den Börsen' + 32 Seiten Bibliographie + 19 Seiten Anmerkungen (zu den Fußnoten) + 3 Seiten Personenregister
ISBN 978-3-896-67427-2

Gleich vorneweg : das Buch ist anspruchsvoll und hat mich emotional aufgewühlt.
Die Theorie ist, daß uns Menschen unterstellt wird als 'homo öconomicus' als nur auf unsere Vorteile bedachter Mensch zu agieren, und da dies nicht wirklich gelingt, versucht man uns via Medien, soziale Netzwerke etc. dorthin zu gängeln.
Es wäre für Wirtschaftsmenschen und vermutlich auch Politiker viel einfacher wenn wir endlich der leicht lenkbare und vorhersagbare 'Mensch Version 2' wären.

Während früher die Menschen mechanische Puppen entwickelten oder sich Ideen wie Frankenstein entwickelten, wurden nach dem 2. Weltkrieg daran gearbeitet das "Spiel" der Wirtschaft zu optimieren. Oft wird RAND Corporation gebracht, eine amerikanische Denkfabrik, die eigentlich die Streitkräfte beraten hat, aber nach dem streichen des Etats ihre abstrakten Gedanken in andere Metiers einbracht. Es wird zitiert, daß John Nash hoffte, daß sich Menschen gewinnmaximierend verhielten, und enttäuscht war daß soziale Bande sich als wichtiger erwiesen.

Das Thema des Datenhungers und wie einfach Daten frei gegeben werden  - manchmal mit manchmal ohne das Wissen, bzw oft mit Erzwingen von persönlichen Daten, da der Mensch (bewußt kein User) sonst nicht auf Websites weitersuchen darf - wird oft angesprochen.

Während es in Teil 1 um das Spiel an sich geht, geht es im Teil 2 mehr um den Menschen, und wie das Spiel ihn sich gefügig machen will. Hier geht es auch um Brüche mit Werten wenn zwar Loyalität, Treue und Bildung wichtig in der Gesellschaft wären, aber keinen (Mehr)-Wert besitzen, und damit Strukturen im sozialen Verbund zu bröckeln beginnen, und auch Vertrauen ein zerbröselnder Wert wird, und zurück auf die Gesellschaft fallen wird.

Nachdem das Buch vieles in Frage stellt ist der Ausklang leicht versöhnlich wenn der 1984 geborene  Evgeny Morozow zitiert wird, daß wir nur die "Marionette" (des Spiels) zu töten brauchen.

Stilistisch tut das Buch so als wäre es einfach zu lesen, während die Information und Vernetzungen die an Grundwerte gehen langsam im kognitiven Untergrund zu brodeln anfangen.
Ich konnte meist nur 10 bis 15 Seiten lesen und mußte dann das Buch zumachen um das Gelesene setzen zu lassen und/oder ein intelligentes flexibles Gegenüber zu suchen um über das gerade Gelesene reden zu können.

Selbst als halbwegs gebildeter Mensch sind die vielen Verweise aus Politiker, Wissenschaftler, Menschen der Wirtschaft und Schriftsteller nicht immer einfach zu verknüpfen.
Die Art und Weise Angaben zu zitieren ohne dabei an Spannung zu verlieren, wünsche ich schon wegen der Akkuratesse mancher Doktorarbeit.

Leider ist das Buch 2013 erschienen, der Autor 2014 plötzlich verstorben. Wie wäre das Vorwort zu aktuellen Auflage dieses Autors im Herbst 2017 gewesen ? Wie hätte sich jetzt seine Meinung zu dem immer brennenderen Thema geändert oder verschärft ?

In Summe ein grandioses Buch, das aber auch aufwühlen kann. Viel viel Freude beim Lesen und Grübeln !

Frank Schirrmacher wurde am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren. Er studierte Germanistik und Anglistik in Deutschland und Literatur und Philosophie in England. Seit 1994 zählte er zu den Herausgebern der "FAZ". Er gehörte zu den einflussreichsten deutschen Journalisten, und erntete als blitzgescheiter Querdenker entweder Fans oder Skeptiker. Er starb am 21. Juni 2014 an einem Herzinfarkt in Frankfurt am Main.

Donnerstag, 23. November 2017

Wendy Guerra : "Alle gehen fort"

Wendy Guerra :
"Alle gehen fort"
Roman
original "Todos se van"
2006 Indent Literary Agency
Aus dem Spanischen von Peter Tremp
2017, Unionsverlag Taschenbuch
197 Seiten + 3 Seiten Worterklärungen (Namen, Schlagworte)
ISBN 978-3-293-2077-5

Nieve schreibt in Tagebüchern über ihr Leben, zuerst als Kind, dann als Jugendliche. Sie lernt früh, daß wichtige Menschen gehen, entweder ins Gefängnis oder weil sie Kuba verlassen (müssen). Ihre Mutter, eine kreative Frau die Puppen bastelt und im Radio Kindersendungen macht, glaubt zwar dem kubanischen Kommunismus, versteht aber die Reglementierungen und die Unmenschlichkeit der Diktatur sowie die Brutalität gegen Kunst nicht. Nieves Vater wird als Alkoholiker mit Wandertheater geschildert, der zwar seine Tochter beherrschen, sie aber nicht versorgen will. (Die Abschnitte über Gewalt und Hunger sind heftig). Fausto, der liebevolle freundliche schwedische Freund der Mutter, wird des Landes verwiesen. Nieve verliert alle Kontakte bei jedem Schulwechsel. Sie lernt sich oft zu verabschieden.
Als Jugendliche ist sie in kreativen Kreisen. Sie lernt Osvaldo, einen berühmten Künstler kennen und lieben. Als er nach Paris eingeladen wird, heißt es lange warten, bis klar wird, daß sie nicht nachreisen kann. Filmemacher Antonio bringt sie darauf das echte Leben zu betrachten, nicht nur durch die Seiten der Tagebücher, die sie schreibt.

Die Geschichte wird aus der Ich-Sicht in Tagebuchform erzählt, in die manchmal Gedichte einfließen. Der einzige Teil der nicht aus Nieves Sicht beschrieben ist, ist ein langer Brief von Antonio.

Ich bin eingetaucht in die Welt und die Beschreibungen des Mädchens und später der jungen Frau. Diese Welt bestand am Anfang aus Liebe der Mutter und ihres Freundes, sowie der Brutalität ihres Vaters. Früh lernt sie Angst und Mund halten kennen, weshalb sie sich nur den Tagebüchern anvertraut (was - wie sie weiß - politischer Wahnsinn ist).
Die Stellen in denen kreativ gearbeitet wird und Menschen einfach Kunst und Musik leben wollen sind stark; ebenso die in denen verbotene Literatur, weil zensuriert, versteckt werden muß.

Es gibt einige deftige erotische Absätze.

Politischer Hintergrund ist die Zeit der Repressionen und Hungerszeit der 70-er auf Kuba, in der viele Menschen gehen wollen. Ich habe einiges nachgelesen in der Geschichte Kubas : über die Zeit als die Menschen in der peruanischen Botschaft Zuflucht suchten, als Ausreisewillige wüst beschimpft wurden und die künstlerisch 'graue' Ära auf der Insel.

Die Namen der Worterklärungen führen zu einigen Künstlern die mir neu waren.

Im Summe ein dichter Roman bei dem sich Menschen und Rundherum gut vorstellen lassen - sowohl das Lebensgefühl, auch auch die Diktatur der Lebensverweigerung. Viel Freude beim Lesen !

Wendy Guerra wurde am 11. Dezember 1970 in Havanna (Kuba) geboren. Mit 17 veröffentlichte sie ihren ersten Lyrikband, dann ging sie auf die Kunsthochschule. Später arbeitete sie als Radio- und Fernsehsprecherin und Schauspielerin und besuchte die Filmhochschule um Regie zu lernen. Nach dem außenpolitischen Erfolg ihrer Gedichte, wurde sie in Kuba negiert, was sie dazubrachte in spanischen Zeitungen zu schreiben. Mittlerweile sind drei Gedichtbände und fünf Romane von ihr erschienen. Sie lebt weiterhin auf Kuba.

Montag, 13. November 2017

Julie Wassmer : "Eine Leiche kommt selten allein"

Julie Wassmer :
"Eine Leiche kommt selten allein" - Küstenkrimi
original "Murder on Sea" (Whitstable Pearl Mystery #2)
2015, Constable
Aus dem Englischen von Sepp Leeb
2017, Ullstein Buchverlage GmbH Berlin
327 Seiten
ISBN 978-3-548-29017-1

Pearl, die ein eigenes Restaurant hat und als Detektivin bekannt ist, hat es diesmal mit bösartigen Weihnachtskarten zu tun, die den Menschen den Spiegel vorhalten. Ihre beste Freundin und Steuerberaterin wird während der Weihnachtstombola in der Kirche vergiftet. Die liebevolle ältere Putzfrau wird auch vergiftet, und als noch eine Leiche entdeckt wird löst Pearl bei einem gemütlichen Weihnachtszusammensein das Rätsel der bösen Weihnachtskarten und die Morde auf.

Nebenbei wird das zarte Knistern, das in Band 1 zwischen Pearl und Inspector Mc Guire, begonnen hat, weitergeführt. Auch andere Lieben sind wichtig, manche gehen gut aus, manche nicht.

Zeitpunkt der Handlung ist die Woche vor Weihnachten mit Vorbereitungen, Treffen, und Beschreibungen von Weihnachtsessen und Traditionen.

Pearl ist als charmante offene tatkräftige Frau geschildert, Mc Guire ist zurückhaltender aber effektiv als Polizist, Pearls Mutter Polly ist farbenkräftig, Nathan - eine guter Freund Pearls - ist stilsicher und hilft ihr oft weiter, Diana eine bodenständige Steuerberaterin mit Prinzipien, Martha die ältere emsige Putzfrau, Bonita (früher straßenköterblond) und Simon sind zwar entspannt nerven Diana jedoch, Giles und Alice sind Arzt und Ehefrau die in einen jüngeren Mann verliebt war was noch zu Komplikationen führt, Cassie ist eine Photographin auf Durchreise, Reverend Pru eine (für manche zu) farbenfrohe Pastorin.

Sehr nett fand ich, daß jede Menge Katzen durch die Handlung spazieren : Mutter Dolly hat Kater Mojo; Putzfrau Martha hat Pilchard und Sprat und Nathan Kater Biggy. Das Katzenvolk schnurrt, schäft oder frißt nach Bedarf oder saust durch die Gegend.

Da Pearl als Restaurantbesitzerin beschrieben wird, gibt es einiges an Eßbarem in dem Krimi. Entgegen der landläufigen Meinung liest sich diese britische Küche sehr g'schmackig, bis auf das mir zu viel Frischkäse verwendet wird.

Den Küstenort Whitstable gibt es wirklich; es ist ein Ort in der Grafschaft Kent im Süden von England, der Nahe Canterbury liegt.
In dem Buch wird einiges über die Stadt selbst und sonst anekdotenhaftes der Region erzählt, was mir manchmal zu lange wurde. Das Auftauchen der Seidenschwänze (kleine Singvögel mit verwegenem Schopf) fand ich allerdings interessant.

Die Geschichte ist unterhaltsam erzählt und gemütlich. Mir wurde es allerdings mit zuviel Lokalkolorit etwas lange, sodaß ich für die Handlung einige Seiten sehr rasch quer gelesen habe.

Wer einen gemütlichen verschneiten Weihnachtskrimi sucht, wird sich hier wohlfühlen inkl. beim Mitraten von whodunnit. Viel Freude beim Lesen !

Julie Wassmer dürfte 1953 auf die Welt gekommen sein. Sie schreibt seit über zwanzig Jahren Drehbücher für die BBC. 201o erschien ihre Autobiographie "More Than Just Coincidence", in der sie beschreibt wie sie ihre mit 17 Jahren weggebene Tochter wiederfindet. "
Pearl Nolan und der tote Fischer" ist der Auftakt zu ihrer Serie um die Privatdetektivin und Köchin Pearl Nolan, bei der mittlerweile Band 4 auf englisch erschienen ist (auf deutsch erst Band 2). Julie Wassmer lebt in Whitstable und engagiert sich für Umweltschutz. 

Freitag, 10. November 2017

Sybille Lewitscharoff : "Killmousky"

Sybille Lewitscharoff :
"Killmousky"
Roman
2015, Suhrkamp Verlag, Berlin
217 Seiten
ISBN 978-3-518-46601-8

Richard Ellwanger, der wegen einer verbalen Bedrohung bei einer Kindesentführung seinen Job als Polizist verloren hatte, wird gebeten in New York als Privatdetektiv den Tod einer jungen reichen Frau aufzuklären. Der Vater der jungen Frau sitzt im Rollstuhl und bietet Geld an, die ältere attraktive Schwester der Toten ihren Charme und Hilfe. Beide verdächtigen den blonden attraktiven angenehm erscheinenden Witwer, da er bei Tod alles kassiert hat. Eine Fährte lockt den Detektiv zurück nach Deutschland, wo der Fall Konturen gewinnt. Zurück in New York überlebt er durch Glück, und der Fall ist gelöst.

In Deutschland war ihm ein schwarzer Kater zugelaufen, der titel- und covergebende "Killmousky" der seinem Namen alle Ehre tut, und zwischendurch auf Schmusekater wechselt.

Ellwanger ist Mitte 50 und eher schlicht in seinem Äußeren beschreiben, seiner Vermieterin eine fröhliche Bayerin die in New York restauriert, der alte Mann im Rollstuhl sowie die ältere Tochter Catherine erinnern mich an "the deep sleep" von Raymond Chandler (ich hatte als Catherine den alten Film mit Lauren Bacall vor mir), der schöne blonde angenehme Mann Larson wird greifbarer als er sich am Ende bei Ellwanger über Frau sowie Schwägerin und Schwiegervater negativ äußert und dabei seine schöne Haltung verliert.

Die Orte in Deutschland sind nachvollziehbar, genauso wie der plötzliche Luxus mit der Ellwanger in New York im Hotel aber auch bei ungewohnten Menschen konfrontiert wird.

Die Metaphern und die Wortkreationen in dem Buch haben mich gut unterhalten: beispielsweise S. 114 gibt es 'Kleingehäuseltes", auf S. 44 kann man "in Vasen chinesische Kaiser verstecken" und auf S. 41 wird die Größe des Bettes beschrieben, daß "zehn Kerle eine Kissenschlacht hätten veranstalten können".

Die Katzenanteile sind etwas zu wenig nach meinem Geschmack, aber immerhin gibt es passend zum Titel und Cover auch eine gut vorstellbare Katze im Buch.

Die Geschichte ist gut geschrieben, und lauft gut vorstellbar ab. Es wären viele Auflösungen des Todes der jungen Frau möglich gewesen, also war es für mich spannend zu schauen welches Ende hier gewählt wurde. Viel Freude beim Lesen.

Sibylle Lewitscharoff wurde am 16. April 1954 in Stuttgart geboren. Sie studierte Religionswissenschaften und las die Klassiker der Kommunistischen Literatur; es folgten Hörspiele und Radiofeatures bis 1994 der erste Roman erschien. Es erschienen seitdem sieben weitere Romane ('Killmousky' als Krimi nicht mitgerechnet). 
In den Medien war sie 2014 als sie Kinder die nicht auf natürliche Weise entstanden waren Halbwesen nannte; diese lieblose Haltung diesen Kindern gegenüber (und Eltern mit Kinderwunsch) brachte sie ziemlich in Kritik.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Jean-Yves Ferri + Didier Conrad: "Asterix in Italien" (Band 37)

Jean-Yves Ferri + Didier Conrad: "Asterix in Italien" (Band 37)
original "Astérix et la Transitalique"
2017, Editions Albert René
aus dem Französischen übersetzt von Klaus Jöken
2017, Egmont Comic Collection
46 Seiten
ISBN 978-3-7704-4037-5

Vivat, der neue Asterix ist da ! Um von den schlechten Straßenzuständen in Italien wird eine Pferde-Wettfahrt in Italien ausgelobt, an der alle Völker aus dem römischen Weltreich teilnehmen dürfen. die Gallier sind dabei, sowie Goten, Briten, zwei Damen aus Afrika, zwei Herren aus Skandinavien, Sizilianer und andere Völker innerhalb Italiens etc. Cäser möchte daß ein Römer gewinnt und mit allerlei Tricks (Bestechung ist in der Sportbranche üblich) sieht es es einige Zeitlang auch für seinen Plan recht gut aus ..

Obelix schwärmt wie gewohnt von Wildschein, genießt Parma-schinken als Ganzes nicht hauchdünn geschnitten, und lernt Pizza allerdings nur als Fladen ohne Belag kennen, visioniert aber über diesen.
Eine der Damen aus Afrika gefällt Idefix; sie flucht übrigens in Bildersprache.
Manche der Wettbewerber sind witzig gezeichnet, aber hier wäre Raum für böse bis unterhaltsame Dialoge und Feinheiten bei den Zeichnungen der Wagen gewesen.

Leider sind meine Erwartungen etwas enttäuscht, da die Story nicht wirklich bei mir zündet und mir zu wenig nette Kleinigkeiten als Begleitung vorkommen. Aber immerhin, es gibt wieder einen Asterix !

Biographien von Autor und Illustrator bei Band 35 (Asterix bei den Pikten).

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Antonia Michaelis : "Mr. Widows Katzenverleih"

Antonia Michaelis :
"Mr. Widows Katzenverleih"
Roman
2017, Knaur Verlag
435 Seiten + 2 Seiten über die Katzen im Leben der Autorin
ISBN 978-3-426-65430-9

Mr. Widow findet eine junge Frau mit kleinen Katzen in einer Mülltonne, rettet alle und startet damit ein erfreuliches Leben für die junge Frau. In einer Zeit der Vereinsamung liefert sie Leih-Katzen aus : fürs Vorlesen, fürs Inspirieren, fürs Getragen werden etc. Grundbedingung : eine der 40 Katzen sucht sich den Menschen aus - nicht umgekehrt.
Das alte Leben der jungen Frau kommt in Form eines charismatischen Ganoven der mit Charme und Aussehen junge Frauen als Lockvögel für Betrug, und leider auch einen Mord einsetzt. Die Enkelin von Mr. Widow ist auch nicht gut auf Nancy - wie sie sich nennt - zu sprechen. Nach einigen dramatischen, witzigen Verrenkungen wie Cat-napping und eine verhinderte Hochzeit sind der Katzenverleiher, Nancy und v.a. die Katzen wieder in Sicherheit.

Die Geschichte spielt in einer fiktiven Stadt mit Glashäusern, Liften, Baustellen aber auch einem gemütlichen Haus und einem ziemlich farbenfrohen Atelier. - und es ist eine Geschichte in einer Geschichte verknüpft.

Mr. Widow ist als anglophiler Mensch mit Vorliebe zu Tee und offenbar staubtrockenen Cones (Das sind Biskuitkekse) und bunten Westen, und Liebe und Mensch & Katze geschildert. Nancy dürfte eine hübsche Frau mit Rauschgiftvergangenheit sein, die aus dem alten Leben herauswill und die die Katzen Großteil sofort akzeptiert haben (Kaffeekatze kuschelt sofort). Die Enkelin ist ein klassisch besserwisserisches liebloses Gör um die 20, so wie jetzt viele herumlaufen. Kai, der Schmalspurganove, ist gutaussehend, charmant und kalt. Jan ist Künstler und schwärmt für fliegende Nilpferde, v.a. in lila. Seine Mutter, eine reiche Dame, beginnt Katzen zu malen.

Das Katzensammelsurium liest sich sehr vergnüglich : alle Fellfarben, alle Augenfarben, alle Charaktäre sind vertreten. Die Namen unterhalten z.T. sehr : z.B: Banane, Gurke, Königin von Saba, Kaffeekatze (oder Latte), Blaubeertörtchen, Timothy (blind), Fellmütze (er agiert als solche), etc ...
Ich mußte bei den vielen liebevollen wunderbaren Details der Katzenschilderungen auflachen oder schmunzeln.
Einen temperamentvollen Hund namens Misty gibt es auch.

Die Geschichte ist ein Gemisch aus modernem Märchen, Liebeserklärung an Katzen und Kater, Aufruf zur Eigenständigkeit und etwas Liebe im Herzen zu bewahren (statt zu erkalten); auch wenn immer wieder aufpoppt, daß auch ein Mord passiert ist.

Der Roman ist ideal für Katzenfans geeignet und für Menschen die eine liebevolle Geschichte, die unterhaltsam geschrieben ist, genießen wollen. Viel Freude beim Lesen !

Antonia Michaelis wurde 1979 in Kiel geboren. Sie schreibt Kinder- und Jugendromane, Theaterstücke und Belletristik.

Samstag, 14. Oktober 2017

Fjodor Dostojewski : "Der Spieler"

Fjodor Dostojewski :
"Der Spieler"
1867 erstmals erschienen bei Verleger Stellowski
Aus Gesammelte Werke in zwanzig Bänden - Band "Der Spieler" und "Späte Prosa"
Herausgegeben von Gerhard Dudek und Michael Wegner
Deutsch von Werner Creutziger
1990, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
184 Seiten (von 348 bis 530) + passenden Anmerkungen (hier meist Übersetzungen aus dem französischen) im Anhang
ISBN 3-351-01509-7

In einem deutschen Kurort haben sich eine verarmte russische Familie, der in die Stieftochter verliebte Hauslehrer, ein reicher französischer Adeliger, ein verliebter Engländer, eine schöne junge etwas frivol wirkende Frau mit Mutter eingefunden. Der Chef der Familie ist Witwer, braucht das Geld der Erbtante um die schöne junge Frau heiraten zu können. Inzwischen lebt mittels Schuldscheinen bei dem französischen eitlen unangenehmen Mann, der nebenbei Tochter Polina zu einem Verhältnis erpresst. Die Erbtante erscheint mit großem Auftritt, und verspielt in drei Tagen den großteils ihres Geldes und damit die Zukunft des Generals, seiner Stieftochter Polina und legt den Grundstein zur Spielsucht des Hauslehrers. Polina ist hin- und her gerissen zwischen gehobener Tochter-Dünkel, Liebe zu dem Hauslehrer und keinem Vertrauen zu ihm. Der Hauslehrer lebt einige Zeit mit der schönen Frau von seinem Geld in Paris, verheiratet sie mit dem General und bleibt selbst spielend in Deutschland hängen.

Der Hauslehrer Alexej Iwanowitsch erzählt aus seiner Ich-Sicht, wie er den Franzosen provozieren will, wie er Enkelin/Stieftochter Polina helfen will oder auch nicht, wie er die schöne Blanche beobachtet und eigentlich Angst vor ihr hat und wie ihn das Spiel, das ihn am Anfang nicht interessiert hat, am Schluß dirigiert. Nicht einmal die klaren Worte des Engländers können ihn aus der Sucht reißen.

Dostojewski springt mit dem ersten Satz in die Handlung als ob jede Leser alles über die Personen bereits wüßte. Aber erst langsam entschlüsseln sich trotz Schreianfällen die Absichten und Gefühle der handelnden oder reagierenden Personen.
Wie die Hauptperson Alexej die Lethargie aller Liebe und dem Leben gegenüber erfaßt, und dafür die Spielsucht ihn in die Krallen bekommt, ist dicht und faszinierend beschrieben.

Die Geschichte ist fast in Dialogen geschrieben. Es wird wenig beschrieben, außer Luxus der russischen Familie im fiktiven Ort Roulettenburg oder später in Paris.

Im Text sind immer wieder französische Phrasen oder Wörter eingebaut, die im Anhang übersetzt werden. Nicht übersetzt ist der Begriff "Outchitel", der ein französischer Begriff für einen russischen Lehrer ist, und den v.a. die Babuschka und später Blanche an Alexej verwendet.

Eine berühmte Geschichte zur Entstehungsgeschichte ist, daß die Stenographin und spätere zweite Gattin Anna Snitkina auf den Einfall kam, das Manuskript bei einem Notar zu hinterlegen, um dem Autor die rechtzeitige Abgabe des Manuskripts zu bestätigen, da der Verleger hinterlistigerweise die Stadt verlassen hatte.

In Summe ein dichter spannender Roman, der packt. Viel Freude beim Lesen !

Fjodor Michailowitsch Dostojewski wurde am 11. November 1821 in Moskau geboren. Er studierte Ingenieurtechnik, wollte dann aber Schriftsteller werden. 1849 wurde er verhaftet und verlor nach einer Scheinhinrichtung alles Vermögen, und für fünf Jahre ins Arbeitslager gesteckt. 1866 erschien "Schuld und Sühne" in einer Monatszeitschrift über einige Monate. 1866 erschien auch "Der Spieler".1869 war der Roman "Der Idiot" fertig.1872 schloß er "Die Dämonen" ab. 1875 war "Der Jüngling" fertig. 1880 schloß er "Die Brüder Karamasow" ab. Er starb am 9. Februar 1881 in Sankt Petersburg.