Jakob Arjouni :
"Bruder Kemal" - Ein Kayankaya-Roman
2012, Diogenes Verlag AG, Zürich
220 Seiten
ISBN 978-3-257-06829-0
Der 53-jährige Detektiv wird in das Diplomatenviertel von Frankfurt gerufen. Dort soll er die Tochter einer schönen attraktiven Frau finden - sie ist nicht so reich wie die Wohngegend vermuten läßt. Der Detektiv überrascht einen toten vermutlichen Freier, das Mädchen das verkauft werden soll und den Mann der sich als Photograph ausgegeben hatte, aber lieber Kontakte zwischen Freiern und blutjungen Mädchen knüpft. Der Detektiv stellt eine Falle für die Polizei auf und bringt das Mädchen heim; hinterläßt aber die bereits vorgefundene Leiche eines unbekannten Mannes. Leider ist der sogenannte Photograph Neffe eines ziemlich islamistisch auftretenden Mannes mit vielen Verbindungen. Dieser bringt einen Schützling des Detektivs in seine Gewalt - dieser Schützling ist Autor eines Werkes auf das traditionelle Islamisten negativ reagieren. Der Detektiv schwächt seine Aussage gegen den Photographen ab, der Autor kommt frei, die Auflagen steigern sich. Im Abschlußgespräch klärt der Detektiv wer der Mörder ist; alle bleiben frei.
Der fünfte Fall des Privatdetektivs mit türkischem Namen (aber deutschen Pflegeeltern) ist gut und rasch lesbar. Der Detektiv hat eine schöne Freundin mit viel Energie, die ein gutes Lokal führt, excellente Küche bietet und endlich eine Familie haben möchte.
Die Menschen sind schön und klar geschildert, leider kommt bei mir keine Sympathie auf - für keine der handelnden Personen (ob dies an der Sprache liegt oder wirklich nur an den geschilderten Menschen kann ich nicht festhalten).
Interessant finde ich die Ansätze, daß sowohl Drogenhandel als auch Islamismus parallel behandelt werden. Die Beobachtungen der Buchmesseszene sind unterhaltsam geschildert.
In Summe in unterhaltsames Buch, das ideal für Urlaub, Ferien an Strand oder Balkon geeignet sein dürfte, aber keines meiner Lieblingsbücher wird.
Jakob Arjouni wurde 8. Oktober1964 in Frankfurt geboren und lebte hier. 'Arjouni" ist der Nachnahme seiner Ex-Frau. Seinen Helden, den Detektiv Kemal Kayankaya, hat er als 21-jähringer in seinem ersten Kriminalroman 'Happy Türke !' erfunden (dieser Roman ist verfilmt worden). Der Autor hat auch Bücher ohne den Detektiv Kayankaya geschrieben. Herr Arjouni starb im Jänner 2013 in Berlin.
Samstag, 25. Mai 2013
Mittwoch, 22. Mai 2013
Vilma Fuentes : "Strassen der Wunder"
Vilma Fuentes :
"Strassen der Wunder"
Roman
original : "El Autobús"
1995, Editorial Mortiz, Mexico, Actes Sud
Deutsch von Michael Hofmann
1996, Frankfurter Verlagsanstalt
300 Seiten mit 16 Kapiteln
ISBN 3-627-00047-1
In 16 Kapiteln erzählt die Autorin verschiedene Stationen ihrer Kindheit in der Stadt Mexico, wie sie die Welt als Kind erlebt hat und die Umwelt wahrgenommen hat. Die großen Menschen, großen Busse und Straßen und v.a. die Phantasiewelt im Kopf sind Bestandteile der Kindheit.
Sie ist Pingo, muß Lesen und Schreiben lernen - das erstere schafft sie mühelos, das zweite fällt ihr noch jahrelang schwer. Aber endlich kann sie Bücher lesen - Bücher die sie dem bewunderten Nachbarsbuben und ihrer kleinen Schwester vorliest oder erzählt (weil sie da spannender macht als wenn sie nur vorliest).
Sie erzählt vom Busfahrer, der alle Mädchen die er fahrt mehr oder minder liebevoll auf die Schaufel nimmt, die Lehrerin im Bus die auf Benehmen achten soll; von verschiedenen Nonnen als Lehrerinnen und von Mitschülerinnen. Die Freundinnen wechseln - sie lernt mit den Freundinnen auch die Eltern kennen, die manchmal ganz anderes als ihre Eltern in einer kleinen Wohnung sondern in einem großen Haus mit schönem Garten wohnen.
Die Welt der Straßen aus dem Bus gesehen beflügeln ihre Phantasie. Sie gewähren Einblick in andere Stadtviertel, andere Häuser, andere Höfe und Gärten.
Der rasante Wohnungsboom mit alten Häusern die rasch geschliffen und zu neuen Gebäuden hochgezogen werden, zieht vor ihren Augen ab. Durch mehrmaliges Übersiedeln erzählt sie von den unterschiedlichen "Vecindades".
Von zwei Hochzeiten erzählt sie - in einer wird eine 16-jährige mit einem unattraktiven älteren Mann verheiratet und hat plötzlich ein ausdrucksloses altersloses Gesicht, bei der anderen wird tuschelnd vom Selbstmord der Braut einige Zeit nach der Hochzeitsreise erzählt.
In den Erzählungen wird die Welt eines (heranwachsenden) Kindes geschildert. Wie aufregend, und wie sehr aktuell und teilweise riesig die Welt sein kann. Wie klein und manchmal schäbig sie sein kann wird nur kurz angerissen. Sie bewertet nicht, wenn sie die Welt und Werte aus der Nonnenschule beschreibt. Schön ist wenn sie den jetzt großen Straßen der Stadt Mexico beschreibt, auch wenn diese nunmehr die großen Durchzugsstraßen ohne den Charme dieser Kinderjahre sind.
Die Personen sind gut vorstellbar geschildert : die Tante die im Büro arbeitet und raucht, die Freundinnen, der Buschauffeur, der Nachbarsbub der seinen Analphabetismus stolz verbirgt etc.
Das Buch ist in angenehm großen Lettern gedruckt, die kein Augenweh machen.
In Summe ein schön lesbares Buch, das ein bißchen in die Zeiten der Kindheit als vieles noch geheimnisvoll schien führt.
Vilma Fuentes wurde am 22. August 1949 in Mexiko geboren. Sie ist seit 1969 Mitglied im 'Centre Mexicain d'Écrivains '. Seit 1975 lebt sie in Paris und arbeitet als Journalistin, Übersetzerin und Literaturkritikerin, inkl. für die mexikanische Wochenzeitschrift 'La Jornada'. Als Schriftstellerin hat sie 1995 'L'autobus de Mexico', 2001 'King Lopitos', 2008 'Des Châteaux en enfer' 2009, 'Gloria (Minos)' und 'La Castaneda (Minos)', 2011 'Les Greffiers du diable' und 2012 'Calzada de Los Misterios (Letras Mexicanas)' veröffentlicht.
"Strassen der Wunder"
Roman
original : "El Autobús"
1995, Editorial Mortiz, Mexico, Actes Sud
Deutsch von Michael Hofmann
1996, Frankfurter Verlagsanstalt
300 Seiten mit 16 Kapiteln
ISBN 3-627-00047-1
In 16 Kapiteln erzählt die Autorin verschiedene Stationen ihrer Kindheit in der Stadt Mexico, wie sie die Welt als Kind erlebt hat und die Umwelt wahrgenommen hat. Die großen Menschen, großen Busse und Straßen und v.a. die Phantasiewelt im Kopf sind Bestandteile der Kindheit.
Sie ist Pingo, muß Lesen und Schreiben lernen - das erstere schafft sie mühelos, das zweite fällt ihr noch jahrelang schwer. Aber endlich kann sie Bücher lesen - Bücher die sie dem bewunderten Nachbarsbuben und ihrer kleinen Schwester vorliest oder erzählt (weil sie da spannender macht als wenn sie nur vorliest).
Sie erzählt vom Busfahrer, der alle Mädchen die er fahrt mehr oder minder liebevoll auf die Schaufel nimmt, die Lehrerin im Bus die auf Benehmen achten soll; von verschiedenen Nonnen als Lehrerinnen und von Mitschülerinnen. Die Freundinnen wechseln - sie lernt mit den Freundinnen auch die Eltern kennen, die manchmal ganz anderes als ihre Eltern in einer kleinen Wohnung sondern in einem großen Haus mit schönem Garten wohnen.
Die Welt der Straßen aus dem Bus gesehen beflügeln ihre Phantasie. Sie gewähren Einblick in andere Stadtviertel, andere Häuser, andere Höfe und Gärten.
Der rasante Wohnungsboom mit alten Häusern die rasch geschliffen und zu neuen Gebäuden hochgezogen werden, zieht vor ihren Augen ab. Durch mehrmaliges Übersiedeln erzählt sie von den unterschiedlichen "Vecindades".
Von zwei Hochzeiten erzählt sie - in einer wird eine 16-jährige mit einem unattraktiven älteren Mann verheiratet und hat plötzlich ein ausdrucksloses altersloses Gesicht, bei der anderen wird tuschelnd vom Selbstmord der Braut einige Zeit nach der Hochzeitsreise erzählt.
In den Erzählungen wird die Welt eines (heranwachsenden) Kindes geschildert. Wie aufregend, und wie sehr aktuell und teilweise riesig die Welt sein kann. Wie klein und manchmal schäbig sie sein kann wird nur kurz angerissen. Sie bewertet nicht, wenn sie die Welt und Werte aus der Nonnenschule beschreibt. Schön ist wenn sie den jetzt großen Straßen der Stadt Mexico beschreibt, auch wenn diese nunmehr die großen Durchzugsstraßen ohne den Charme dieser Kinderjahre sind.
Die Personen sind gut vorstellbar geschildert : die Tante die im Büro arbeitet und raucht, die Freundinnen, der Buschauffeur, der Nachbarsbub der seinen Analphabetismus stolz verbirgt etc.
Das Buch ist in angenehm großen Lettern gedruckt, die kein Augenweh machen.
In Summe ein schön lesbares Buch, das ein bißchen in die Zeiten der Kindheit als vieles noch geheimnisvoll schien führt.
Vilma Fuentes wurde am 22. August 1949 in Mexiko geboren. Sie ist seit 1969 Mitglied im 'Centre Mexicain d'Écrivains '. Seit 1975 lebt sie in Paris und arbeitet als Journalistin, Übersetzerin und Literaturkritikerin, inkl. für die mexikanische Wochenzeitschrift 'La Jornada'. Als Schriftstellerin hat sie 1995 'L'autobus de Mexico', 2001 'King Lopitos', 2008 'Des Châteaux en enfer' 2009, 'Gloria (Minos)' und 'La Castaneda (Minos)', 2011 'Les Greffiers du diable' und 2012 'Calzada de Los Misterios (Letras Mexicanas)' veröffentlicht.
Labels:
1995,
1996,
Autorin,
Familie,
Kinder,
Lateinamerika,
Mexiko,
Phantasie,
Roman,
Übersetzer
Dienstag, 30. April 2013
Rushdie Salman : "Des Mauren letzter Seufzer"
Rushdie Salman :
"Des Mauren letzter Seufzer"
original "The Moor's Last Sigh"
1995, verlegt bei Jonathan Cape, London
aus dem Englischen übersetzt von Gisela Stege
1996 Kindler Verlag München
569 Seiten
1 Seite Stammbaum der Familie Da-Gama-Zogoiby
2 Seiten Glossar von Begriffen aus dem indischen Sprachraum
ISBN 3-463-40218-1
Der faszinierende, farbgewaltige und auch negative Roman wird aus der Sicht von Shri Moraes Zogoiby, kurz Moor genannt, erzählt. Er ist Asthmatiker und am Ende seines Lebens - und erzählt seine Geschichte und die seiner Vorfahren die sich von Vasca da Gama ableiten zu glauben inkl. Leben und Politik in Indien, meistens in Bombay.
Der erzählende 'Moor' ist das vierte Kind, der einzige Sohn, einer Familie die ihr Geld mit Gewürzen gemacht hatte. Bei ihm greift ein Miracel, daß er doppelt so rasch wächst als er alt ist - seine Seele wächst aber in üblicher Geschwindigkeit weshalb er einigen Erfahrungen immer hinterdrein winkt. Außerdem ist seine linke Hand nicht in Fingern ausgewachsen - was ihm einige Zeit später als Schläger von Vorteil ist.
Der Beginn des Buches ist den Großeltern des "Mooren" gewidmet, dem Krieg zwischen den Damen, den politischen Gegenseitigkeiten von Großvater und Onkel, der Homoerotik des Onkels, dem Krieg zwischen den Familien der Damen, der fast alles vernichtet.
Mitten darin wächst seine Mutter auf - Aurora. Eine starke Frau die sich von nichts und niemandem etwas sagen läßt und die heimlich zu malen beginnt. Diese Frau verliebt sich in den älteren jüdischen Buchhalter Abraham Zogoiby (was Rushdie die Chance gibt die Geschichte der Juden in Indien zu erzählen) und setzt die Eheschließung durch. Sie ist Künstlerin, meist geliebt - bewundert - geachtet, von manchen tiefgehaßt, während er den Gewürzhandel ihrer Familie übernimmt und erweitert (meist mit unfairen Methoden). Drei Töchter und spät ein Sohn entspringen dieser Ehe. Die egozentrische Mutter diktiert und karikiert das Gesellschaftsleben, während ein Bewunderer - Vasco Miranda - das Kinderzimmer mit Comicfiguren ausmalt.
Keines der Kinder wird glücklich - eine Schwester wird Anwältin (und wird später ermordet), eine Nonne und die dritte in Indien erfolgreiche Sängerin (ein Erfolg der in den USA ausbleibt, und sie an den Drogenkonsum bringt). Dem 'Moor' helfen Angestellte beim Box training und der Koch der seine Begabung für die Küche erkennt.
Der 'Moor' verliebt sich in eine wunderschöne Künstlerin - Uma Sarasvati. Sie intrigiert, bringt ihn und seine Eltern auseinander und bringt ihn ins Gefängnis, aus dem ihn erst der Intimfeind seiner Mutter befreit. Für ihn wird er zum professionellen Schläger. Erst nach dem Tod der Mutter nähern sich Vater und Sohn wieder einander an.
Vor dem Hintergrund der steigenden Konflikte zwischen Religionen und religiösen Splittergruppen erheben sich auch andere Kampffronten. Es gehen viele Bomben hoch, die auch den Gemälden von Aurora und dem Leben von Vater Abraham und seiner Schwester der Nonne ein Ende setzen. Der 'Moor' konnte noch rechtzeitig nach Spanien entfliehen, wo er auf Boabdils Spuren Vasco Miranda in Prunk, Einsamkeit und Wahnsinn sucht. Letztendlich bleibt nur der Tod.
Die Neugier endlich mal einen Rushdie-Roman zu lesen, der aber nicht die berühmten 'Verse' sind, hat mich zu diesem Buch greifen lassen. Es hat mich die Beschreibung der Welt der Gewürze, des Reichtums in Indien/Bombay fasziniert, genauso wie die Religionsvielfalt.
Die Personen haben fast vor meinem geistigen Auge getanzt, geliebt, getötet, und gemalt. Die Verschiedenartigkeit der Temperamente, der Egoismen und auch der Brutalität zogen mich in den Bann.
Es ist kein Buch das ich einfach zwischendurch lesen konnte, sondern bewußt mit seinen Metaphern, Farben, Ideen, Sprachspielerein gelesen werden möchte - und deshalb Zeit und Konzentration braucht.
Die für mich faszinierendste Persönlichkeit des Buches ist Aurora verheiratete Zogoiby. Zuerst haßt sie Elephanten (die ihre Mutter gesammelt hatte) - nennt dann das Haus, in dem sie leben, Elephanta. Sie wird in mehreren Stadien ihrer künstlerischen Entwicklung geschildert - wie sie sich mit Familie und den Konflikten auseinandersetzt. Immer wieder kommt das Thema der 'Moor'-Bilder: mal liebend, mal in Konflikt, aber immer wieder Antworten suchend. Ihre Sprachspiele sind z.B. hassifizieren, vertragifizieren, kreischifizieren, buchstabifizieren, etc.
Das Buch arbeitet nach, weil einerseits viel Geschichte Indiens erzählt wird, und viel über die Vielfalt der Religionen wie sie in Indien leben. Andererseits hatte ich einer Liebesgeschichte die in den ersten Liebesstunden in Gewürzen stattfindet, ein anderes Ende als bitterbösen Verrat und die starke Vermutung von Mord(en) gewünscht.
In Summe ein großartiges, faszinierendes Buch, das mir aber stellenweise doch zu lange wurde. Trotzdem kann ich diesen Roman nur jedem Leser /jeder Leserin empfehlen die sich in eine farbenfrohe, tragische Geschichte mit viel Wissen und Sinnlichkeit hineinlesen möchte.
Sir Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay (heute Mumbai) in einer moslemischen Familie geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte und arbeitete am Theater und als freier Journalist. 1975 veröffentlichte er sein erstes Buch; 1981 kam mit seinem zweiten Buch "Mitternachtskinder" der Druchbruch. 1988 erschien das vierte Buch "Satanische Verse", das zu Kontroversen in der moslemischen Gesellschaft führte. Nach Morddrohungen lebte der Schriftsteller einige zeitlang versteckt. Literarisch folgten 'Harun und das Meer der Geschichten', 1995 'Des Mauren letzter Seufzer' und 2001 'Fury' (2002, 'Wut'). Meist lebt der Schriftsteller in den USA.
"Des Mauren letzter Seufzer"
original "The Moor's Last Sigh"
1995, verlegt bei Jonathan Cape, London
aus dem Englischen übersetzt von Gisela Stege
1996 Kindler Verlag München
569 Seiten
1 Seite Stammbaum der Familie Da-Gama-Zogoiby
2 Seiten Glossar von Begriffen aus dem indischen Sprachraum
ISBN 3-463-40218-1
Der faszinierende, farbgewaltige und auch negative Roman wird aus der Sicht von Shri Moraes Zogoiby, kurz Moor genannt, erzählt. Er ist Asthmatiker und am Ende seines Lebens - und erzählt seine Geschichte und die seiner Vorfahren die sich von Vasca da Gama ableiten zu glauben inkl. Leben und Politik in Indien, meistens in Bombay.
Der erzählende 'Moor' ist das vierte Kind, der einzige Sohn, einer Familie die ihr Geld mit Gewürzen gemacht hatte. Bei ihm greift ein Miracel, daß er doppelt so rasch wächst als er alt ist - seine Seele wächst aber in üblicher Geschwindigkeit weshalb er einigen Erfahrungen immer hinterdrein winkt. Außerdem ist seine linke Hand nicht in Fingern ausgewachsen - was ihm einige Zeit später als Schläger von Vorteil ist.
Der Beginn des Buches ist den Großeltern des "Mooren" gewidmet, dem Krieg zwischen den Damen, den politischen Gegenseitigkeiten von Großvater und Onkel, der Homoerotik des Onkels, dem Krieg zwischen den Familien der Damen, der fast alles vernichtet.
Mitten darin wächst seine Mutter auf - Aurora. Eine starke Frau die sich von nichts und niemandem etwas sagen läßt und die heimlich zu malen beginnt. Diese Frau verliebt sich in den älteren jüdischen Buchhalter Abraham Zogoiby (was Rushdie die Chance gibt die Geschichte der Juden in Indien zu erzählen) und setzt die Eheschließung durch. Sie ist Künstlerin, meist geliebt - bewundert - geachtet, von manchen tiefgehaßt, während er den Gewürzhandel ihrer Familie übernimmt und erweitert (meist mit unfairen Methoden). Drei Töchter und spät ein Sohn entspringen dieser Ehe. Die egozentrische Mutter diktiert und karikiert das Gesellschaftsleben, während ein Bewunderer - Vasco Miranda - das Kinderzimmer mit Comicfiguren ausmalt.
Keines der Kinder wird glücklich - eine Schwester wird Anwältin (und wird später ermordet), eine Nonne und die dritte in Indien erfolgreiche Sängerin (ein Erfolg der in den USA ausbleibt, und sie an den Drogenkonsum bringt). Dem 'Moor' helfen Angestellte beim Box training und der Koch der seine Begabung für die Küche erkennt.
Der 'Moor' verliebt sich in eine wunderschöne Künstlerin - Uma Sarasvati. Sie intrigiert, bringt ihn und seine Eltern auseinander und bringt ihn ins Gefängnis, aus dem ihn erst der Intimfeind seiner Mutter befreit. Für ihn wird er zum professionellen Schläger. Erst nach dem Tod der Mutter nähern sich Vater und Sohn wieder einander an.
Vor dem Hintergrund der steigenden Konflikte zwischen Religionen und religiösen Splittergruppen erheben sich auch andere Kampffronten. Es gehen viele Bomben hoch, die auch den Gemälden von Aurora und dem Leben von Vater Abraham und seiner Schwester der Nonne ein Ende setzen. Der 'Moor' konnte noch rechtzeitig nach Spanien entfliehen, wo er auf Boabdils Spuren Vasco Miranda in Prunk, Einsamkeit und Wahnsinn sucht. Letztendlich bleibt nur der Tod.
Die Neugier endlich mal einen Rushdie-Roman zu lesen, der aber nicht die berühmten 'Verse' sind, hat mich zu diesem Buch greifen lassen. Es hat mich die Beschreibung der Welt der Gewürze, des Reichtums in Indien/Bombay fasziniert, genauso wie die Religionsvielfalt.
Die Personen haben fast vor meinem geistigen Auge getanzt, geliebt, getötet, und gemalt. Die Verschiedenartigkeit der Temperamente, der Egoismen und auch der Brutalität zogen mich in den Bann.
Es ist kein Buch das ich einfach zwischendurch lesen konnte, sondern bewußt mit seinen Metaphern, Farben, Ideen, Sprachspielerein gelesen werden möchte - und deshalb Zeit und Konzentration braucht.
Die für mich faszinierendste Persönlichkeit des Buches ist Aurora verheiratete Zogoiby. Zuerst haßt sie Elephanten (die ihre Mutter gesammelt hatte) - nennt dann das Haus, in dem sie leben, Elephanta. Sie wird in mehreren Stadien ihrer künstlerischen Entwicklung geschildert - wie sie sich mit Familie und den Konflikten auseinandersetzt. Immer wieder kommt das Thema der 'Moor'-Bilder: mal liebend, mal in Konflikt, aber immer wieder Antworten suchend. Ihre Sprachspiele sind z.B. hassifizieren, vertragifizieren, kreischifizieren, buchstabifizieren, etc.
Das Buch arbeitet nach, weil einerseits viel Geschichte Indiens erzählt wird, und viel über die Vielfalt der Religionen wie sie in Indien leben. Andererseits hatte ich einer Liebesgeschichte die in den ersten Liebesstunden in Gewürzen stattfindet, ein anderes Ende als bitterbösen Verrat und die starke Vermutung von Mord(en) gewünscht.
In Summe ein großartiges, faszinierendes Buch, das mir aber stellenweise doch zu lange wurde. Trotzdem kann ich diesen Roman nur jedem Leser /jeder Leserin empfehlen die sich in eine farbenfrohe, tragische Geschichte mit viel Wissen und Sinnlichkeit hineinlesen möchte.
Sir Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay (heute Mumbai) in einer moslemischen Familie geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte und arbeitete am Theater und als freier Journalist. 1975 veröffentlichte er sein erstes Buch; 1981 kam mit seinem zweiten Buch "Mitternachtskinder" der Druchbruch. 1988 erschien das vierte Buch "Satanische Verse", das zu Kontroversen in der moslemischen Gesellschaft führte. Nach Morddrohungen lebte der Schriftsteller einige zeitlang versteckt. Literarisch folgten 'Harun und das Meer der Geschichten', 1995 'Des Mauren letzter Seufzer' und 2001 'Fury' (2002, 'Wut'). Meist lebt der Schriftsteller in den USA.
Labels:
1995,
1996,
Autor,
Betrug,
Familie,
Gesellschaft,
Historie,
Indien,
Künstler,
Leidenschaft,
Liebe,
Phantasie,
Religion,
Roman,
Skurrilität,
Spiritualität,
Übersetzerin,
Verrat,
Wertung - 4 Bücher,
Wirtschaft
Sonntag, 7. April 2013
Carlos María Domínguez : "Wüste Meere"
Carlos María Domínguez :
"Wüste Meere"
original "mares baldíos"
2005, Carlos María Domínguez
aus dem Spanischen übersetzt von Elisabeth Müller
2006, Eichborn AG, Frankfurt
158 Seiten
ISBN 3-8218-5774-9
In diesem Buch sind sieben wunderschöne dichte Erzählungen abgedruckt, die sich alle mit dem Thema Wasser, Fluß oder Meer beschäftigen. Allen Geschichten ist für mich auch eine Art von Laissez-faire oder auch Toleranz eigen - man läßt dem anderen sein Tun. Die Geschichten sind dicht und schön geschildert, und gehören zu den wenigen Erzählungen die ich gerne gelesen habe und nicht mit dem Gefühl übrig geblieben bin, um einen Teil quasi betrogen worden zu sein.
In 'Johnnys Bekenntnis' lernt ein junger Uruguayer mitten unter seinen argentinischen Schwimmkollegen den großen Star Johnny Weißmüller kennen. Als alternder Star gibt er Masterclasses für die schwimmbegeisterte Jugend. Bei einem Wettschwimmen läßt der Junge den Alten gewinnen, weil er es braucht. Das Idol bekommt Risse, aber mit Menschlichkeit kommen die beiden auf neue Ebenen.
In 'Der Baum mit den Reihern' wird eine winzige Insel mit einem Baum, einer miserablen Hütte, einem Menschen und vielen Reihern von einem Orkan heimgesucht. Obwohl Orkane gewohnt, ist diesmal die nassen und windigen Elemente doch stärker als gewohnt. Der Mensch versucht Hütte und sich zu retten, verliert die Hütte aber überlebt. Die Reiher müssen ihn zwischendurch wärmen.
'Mancuso' ist ein alternder berühmter Pirat. Er versucht mit seiner Crew ein Schiff, das auf eine Sandbank gelaufen ist, zu heben und sich des Guts zu bemächtigen. Der Versicherungsbetrug des Eigentümers inkl. dessen machtvolle Vernetzungen sind stärker als er und seine Crew. Mißtrauen steigt, der Ruhm ist am Ende dahin. Die Mafia hat gesiegt.
'Die Falle im Sand' erzähltvon einem Schiff, das gute und schlechte Frachten gehabt hat und bereits mehrere Namen getragen hatte. Der Kapitän versucht das zu verheimlichen, denn Schiffe mit vielen Namen haben einen schlechten Ruf. Als sie auf einer neuen Sandbank des Rio Plato auflaufen (die Sandbänke sind hier tückisch und flexibel), werden ihm und seinen drei Leuten das Wohl des Schiffes anvertraut. Versicherungen, Beamte, Eigentümer streiten wie es weitergehen soll. Die Crew hält das Schiff bei einem Orkan. Später wird das Schiff gesichtet - es hat wieder einen neuen Namen.
In 'Delta' erzählt ein alter Mann gegen paar Schnäpse die Geschichte eines Mannes der Frau und Kind am Gardasee verläßt um wieder am Wasser zu arbeiten. Er schließt sich Marcia Brooke, einer Piratin in den Flüssen an. Als es durch die Entwicklung immer schwerer wird mit Piraterie Erfolg zu haben, zieht sich die Gruppe zurück. Der Sohn taucht auf und findet statt dem ersehnten reichen Vater ein Wrack, das sein Hirn durch zuviel Alkohol vernichtet hat. Als der Sohn geht, läßt er eine Schachtel zurück - ein Finger mit einem Ehering.
In 'Brände' erzählt ein ehemaliger erster Schiffsoffizier wie er im Irakkrieg auf einem imponierenden hochmodernen Tanker, der mit Inertgasen fährt (unbrennbar), bei einem Überfall und anschließender Panik, leider einen Menschen tötet/töten muß um die Hierarchie aufrecht zu halten. Er rettet damit das Schiff und die vielen Menschen an Mord. Reederei, Ministerium, alle anderen sprechen ihn von Verantwortung frei - nur er kann sich nicht verzeihen und zieht ans Land, mit Blick auf die großen Schiffe im Hafen.
'Eine aufrichtige Unterhaltung' findet zwischen einem polnischen Maschinisten (Mirko) und einem lateinamerikanischen Offizier (Adrede) bei einer Flasche Grappa statt. Jeder spricht nur seine Muttersprache. Sie sprechen von Zweifeln, alten Geschichten und alten Lieben. Keiner versteht die Wort, nur die Mimik. Am Schluß entdecken sie einen erfrorenen Chinesen (blinder Passagier) in der defekt geglaubten Klimaanlage an Bord und wickeln das Geheimnis in beider Fremdsprache (englisch) ab.
Die Geschichten sind zwischen 15 und 20 Seiten lang. Nur die letzte Erzählung braucht fast 30 Seiten.
Alle Geschichten habe ich gerne gelesen, und nach dem fertigwerden etwas nachwirken lassen. Es ist keine Hektik, sondern Gelassenheit vorherrschend.
Die Landschaften und Zustände des Wassers sind schön geschildert. Die handelnden oder erzählenden Personen gut vorstellbar. Kein Knick stört.
In Summe ein sehr schönes Buch, das ich Menschen die sich entspannen und gleichzeitig mit den Gedanken reisen wollen, sehr empfehlen kann.
Carlos María Domínguez wurde am 23. April 1955 in Buenos Aires geboren. Er lebt seit 1989 in Montevideo, wo er als Journalist für Wochenzeitschriften und literarische Wochenendbeilagen, Literaturkritiker und Schriftsteller arbeitet.
Andere auf deutsch erhältliche Bücher von ihm sind : 'Das Papierhaus'. Erzählung. Eichborn Verlag, Frankfurt 2004 (Originaltitel: 'Casa de Papel', übersetzt von Elisabeth Müller); 'Die blinde Küste'. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 16. August 2010 (Originaltitel: 'Costa Ciega', übersetzt von Susanne Lange). Seit 1985 schreibt er Erzählungen und Berichte die in Verlagen aus Argentinien und Uruguay verlegt sind. 2002 erhielt er 2 einheimische und einen spanischen Preis, 2004 einen aus Darmstadt und 2005 den Preis der jungen Autoren in Österreich.
"Wüste Meere"
original "mares baldíos"
2005, Carlos María Domínguez
aus dem Spanischen übersetzt von Elisabeth Müller
2006, Eichborn AG, Frankfurt
158 Seiten
ISBN 3-8218-5774-9
In diesem Buch sind sieben wunderschöne dichte Erzählungen abgedruckt, die sich alle mit dem Thema Wasser, Fluß oder Meer beschäftigen. Allen Geschichten ist für mich auch eine Art von Laissez-faire oder auch Toleranz eigen - man läßt dem anderen sein Tun. Die Geschichten sind dicht und schön geschildert, und gehören zu den wenigen Erzählungen die ich gerne gelesen habe und nicht mit dem Gefühl übrig geblieben bin, um einen Teil quasi betrogen worden zu sein.
In 'Johnnys Bekenntnis' lernt ein junger Uruguayer mitten unter seinen argentinischen Schwimmkollegen den großen Star Johnny Weißmüller kennen. Als alternder Star gibt er Masterclasses für die schwimmbegeisterte Jugend. Bei einem Wettschwimmen läßt der Junge den Alten gewinnen, weil er es braucht. Das Idol bekommt Risse, aber mit Menschlichkeit kommen die beiden auf neue Ebenen.
In 'Der Baum mit den Reihern' wird eine winzige Insel mit einem Baum, einer miserablen Hütte, einem Menschen und vielen Reihern von einem Orkan heimgesucht. Obwohl Orkane gewohnt, ist diesmal die nassen und windigen Elemente doch stärker als gewohnt. Der Mensch versucht Hütte und sich zu retten, verliert die Hütte aber überlebt. Die Reiher müssen ihn zwischendurch wärmen.
'Mancuso' ist ein alternder berühmter Pirat. Er versucht mit seiner Crew ein Schiff, das auf eine Sandbank gelaufen ist, zu heben und sich des Guts zu bemächtigen. Der Versicherungsbetrug des Eigentümers inkl. dessen machtvolle Vernetzungen sind stärker als er und seine Crew. Mißtrauen steigt, der Ruhm ist am Ende dahin. Die Mafia hat gesiegt.
'Die Falle im Sand' erzähltvon einem Schiff, das gute und schlechte Frachten gehabt hat und bereits mehrere Namen getragen hatte. Der Kapitän versucht das zu verheimlichen, denn Schiffe mit vielen Namen haben einen schlechten Ruf. Als sie auf einer neuen Sandbank des Rio Plato auflaufen (die Sandbänke sind hier tückisch und flexibel), werden ihm und seinen drei Leuten das Wohl des Schiffes anvertraut. Versicherungen, Beamte, Eigentümer streiten wie es weitergehen soll. Die Crew hält das Schiff bei einem Orkan. Später wird das Schiff gesichtet - es hat wieder einen neuen Namen.
In 'Delta' erzählt ein alter Mann gegen paar Schnäpse die Geschichte eines Mannes der Frau und Kind am Gardasee verläßt um wieder am Wasser zu arbeiten. Er schließt sich Marcia Brooke, einer Piratin in den Flüssen an. Als es durch die Entwicklung immer schwerer wird mit Piraterie Erfolg zu haben, zieht sich die Gruppe zurück. Der Sohn taucht auf und findet statt dem ersehnten reichen Vater ein Wrack, das sein Hirn durch zuviel Alkohol vernichtet hat. Als der Sohn geht, läßt er eine Schachtel zurück - ein Finger mit einem Ehering.
In 'Brände' erzählt ein ehemaliger erster Schiffsoffizier wie er im Irakkrieg auf einem imponierenden hochmodernen Tanker, der mit Inertgasen fährt (unbrennbar), bei einem Überfall und anschließender Panik, leider einen Menschen tötet/töten muß um die Hierarchie aufrecht zu halten. Er rettet damit das Schiff und die vielen Menschen an Mord. Reederei, Ministerium, alle anderen sprechen ihn von Verantwortung frei - nur er kann sich nicht verzeihen und zieht ans Land, mit Blick auf die großen Schiffe im Hafen.
'Eine aufrichtige Unterhaltung' findet zwischen einem polnischen Maschinisten (Mirko) und einem lateinamerikanischen Offizier (Adrede) bei einer Flasche Grappa statt. Jeder spricht nur seine Muttersprache. Sie sprechen von Zweifeln, alten Geschichten und alten Lieben. Keiner versteht die Wort, nur die Mimik. Am Schluß entdecken sie einen erfrorenen Chinesen (blinder Passagier) in der defekt geglaubten Klimaanlage an Bord und wickeln das Geheimnis in beider Fremdsprache (englisch) ab.
Die Geschichten sind zwischen 15 und 20 Seiten lang. Nur die letzte Erzählung braucht fast 30 Seiten.
Alle Geschichten habe ich gerne gelesen, und nach dem fertigwerden etwas nachwirken lassen. Es ist keine Hektik, sondern Gelassenheit vorherrschend.
Die Landschaften und Zustände des Wassers sind schön geschildert. Die handelnden oder erzählenden Personen gut vorstellbar. Kein Knick stört.
In Summe ein sehr schönes Buch, das ich Menschen die sich entspannen und gleichzeitig mit den Gedanken reisen wollen, sehr empfehlen kann.
Carlos María Domínguez wurde am 23. April 1955 in Buenos Aires geboren. Er lebt seit 1989 in Montevideo, wo er als Journalist für Wochenzeitschriften und literarische Wochenendbeilagen, Literaturkritiker und Schriftsteller arbeitet.
Andere auf deutsch erhältliche Bücher von ihm sind : 'Das Papierhaus'. Erzählung. Eichborn Verlag, Frankfurt 2004 (Originaltitel: 'Casa de Papel', übersetzt von Elisabeth Müller); 'Die blinde Küste'. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 16. August 2010 (Originaltitel: 'Costa Ciega', übersetzt von Susanne Lange). Seit 1985 schreibt er Erzählungen und Berichte die in Verlagen aus Argentinien und Uruguay verlegt sind. 2002 erhielt er 2 einheimische und einen spanischen Preis, 2004 einen aus Darmstadt und 2005 den Preis der jungen Autoren in Österreich.
Labels:
2005,
2006,
Abenteuer,
Autor,
Betrug,
Erzählungen,
Krieg,
Lateinamerika,
Meer,
Übersetzerin,
Wasser
Sonntag, 31. März 2013
Antonio Skármeta : "Mit brennender Geduld"
Antonio Skármeta :
"Mit brennender Geduld"
Roman
original "Ardiente paciencia", 1984
aus dem chilenischen Spanisch von Willi Zurbrüggen
1985, erstmals bei Piper Verlag, München
2000, ungekürzte Taschenbuchausgabe
143 Seiten inkl. 4 Seiten Prolog und 2 Seiten Epilog
ISBN 3-492-22678-7
Der wunderbare dichte Roman, schildert die Freundschaft zwischen den berühmten Dichter Pablo Neruda und dem jungen, einfachen Fischersohn Mario, der lieber als Briefträger arbeitet.
Pablo Neruda ist der einzige in dem Dort am Meer der Post erhält. Mario traut sich ihn stotternd anzusprechen. Der große Dichter hilft ihm die große Liebe Marios zu erringen (sie heißt Beatriz). Nach Allendes Wahlsieg wird Neruda Botschafter in Paris. Als der große Dichter den Nobelpreis verliehen erhält, organisiert Mario in dem Dorf an Meer eine riesengroße Fiesta, bei der ausnahmsweise niemand merkt daß Boykotte, Streiks und Nahrungsmittelunterversorgung mittlerweile an der Tagesordnung stehen. Neruda kehrt krank zurück, Allende wird getötet und das Militär übernimmt die Macht, die Kontrolle - aber Mario schafft es den Dichter noch einmal vor dem Tod zu besuchen. Nach dem Begräbnis wird auch Mario verhaftet.
Neben der Freundschaft zwischen Neruda und Mario ist die große Liebesgeschichte zwischen Mario und Beatriz, inkl. Schwierigkeiten durch Institution Schwiegermutter, sinnlicher Gegenpol. Die starke sinnliche Erotik der Schmuseszenen und mehr sind deutlich, die Spannung schön beschrieben.
Humorvoll finde ich wie Neruda Metaphern beschreibt und versucht dem einfach gestrickten Menschen vor ihm Ideen, Bilder und Anregungen zu eigenen Metaphern zu vermitteln (nicht nur seine einzusetzten). Knochentrocken ist die Schwiegermutter, die mit Metaphern ebenfalls, aber handfest, umzugehen weiß. Mario hat am Ende des Buches auch ein Gedicht geschrieben.
Berührend ist die Idee, in der Neruda Mario ein Kassettengerät aus Paris schickt und ihn ersucht ihm die Töne der Heimat aufzunehmen (die Möwen, das Meer, die Glocken, etc.), weil er im Winter vom Schnee eingeschlossen Paris Heimweh hat.
Der Titel des Romans ist einem Gedicht Rimbauds entnommen. Dieses Gedicht hat Pablo Neruda anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1971 an ihn in seiner Rede zitiert.
Der Druck des Buches ist netterweise in einer etwas größere Schrift (Brille suchen entfällt).
Ein eindrücklicher schöner poetischer Roman, der mich gepackt und in seinen Bann gezogen hat. Die Beschreibungen gingen unter die Haut. Ein wunderbares Buch !
Antonio Skármete wurde am 7. November 1940 in Antofagasta in Chile geboren. Seine Eltern waren aus Brac, dem heutigen Kroatien nach Chile gekommen. Als Anhänger Salvador Allende mußte er Chile verlassen und lebt in West-Berlin. Er war Dozent für Lateinamerikamische Literatur und schrieb auch Drehbücher. 1989 bis 2000 lebte er wieder in Chile, bis er zwischen 2000 und 2003 als Botschafter nach Berlin gesandt wurde. Im chilenischen Fernsehen präsentiert er Buch-Neuerscheinungen.
"Mit brennender Geduld"
Roman
original "Ardiente paciencia", 1984
aus dem chilenischen Spanisch von Willi Zurbrüggen
1985, erstmals bei Piper Verlag, München
2000, ungekürzte Taschenbuchausgabe
143 Seiten inkl. 4 Seiten Prolog und 2 Seiten Epilog
ISBN 3-492-22678-7
Der wunderbare dichte Roman, schildert die Freundschaft zwischen den berühmten Dichter Pablo Neruda und dem jungen, einfachen Fischersohn Mario, der lieber als Briefträger arbeitet.
Pablo Neruda ist der einzige in dem Dort am Meer der Post erhält. Mario traut sich ihn stotternd anzusprechen. Der große Dichter hilft ihm die große Liebe Marios zu erringen (sie heißt Beatriz). Nach Allendes Wahlsieg wird Neruda Botschafter in Paris. Als der große Dichter den Nobelpreis verliehen erhält, organisiert Mario in dem Dorf an Meer eine riesengroße Fiesta, bei der ausnahmsweise niemand merkt daß Boykotte, Streiks und Nahrungsmittelunterversorgung mittlerweile an der Tagesordnung stehen. Neruda kehrt krank zurück, Allende wird getötet und das Militär übernimmt die Macht, die Kontrolle - aber Mario schafft es den Dichter noch einmal vor dem Tod zu besuchen. Nach dem Begräbnis wird auch Mario verhaftet.
Neben der Freundschaft zwischen Neruda und Mario ist die große Liebesgeschichte zwischen Mario und Beatriz, inkl. Schwierigkeiten durch Institution Schwiegermutter, sinnlicher Gegenpol. Die starke sinnliche Erotik der Schmuseszenen und mehr sind deutlich, die Spannung schön beschrieben.
Humorvoll finde ich wie Neruda Metaphern beschreibt und versucht dem einfach gestrickten Menschen vor ihm Ideen, Bilder und Anregungen zu eigenen Metaphern zu vermitteln (nicht nur seine einzusetzten). Knochentrocken ist die Schwiegermutter, die mit Metaphern ebenfalls, aber handfest, umzugehen weiß. Mario hat am Ende des Buches auch ein Gedicht geschrieben.
Berührend ist die Idee, in der Neruda Mario ein Kassettengerät aus Paris schickt und ihn ersucht ihm die Töne der Heimat aufzunehmen (die Möwen, das Meer, die Glocken, etc.), weil er im Winter vom Schnee eingeschlossen Paris Heimweh hat.
Der Titel des Romans ist einem Gedicht Rimbauds entnommen. Dieses Gedicht hat Pablo Neruda anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1971 an ihn in seiner Rede zitiert.
Der Druck des Buches ist netterweise in einer etwas größere Schrift (Brille suchen entfällt).
Ein eindrücklicher schöner poetischer Roman, der mich gepackt und in seinen Bann gezogen hat. Die Beschreibungen gingen unter die Haut. Ein wunderbares Buch !
Antonio Skármete wurde am 7. November 1940 in Antofagasta in Chile geboren. Seine Eltern waren aus Brac, dem heutigen Kroatien nach Chile gekommen. Als Anhänger Salvador Allende mußte er Chile verlassen und lebt in West-Berlin. Er war Dozent für Lateinamerikamische Literatur und schrieb auch Drehbücher. 1989 bis 2000 lebte er wieder in Chile, bis er zwischen 2000 und 2003 als Botschafter nach Berlin gesandt wurde. Im chilenischen Fernsehen präsentiert er Buch-Neuerscheinungen.
Labels:
1984,
2000,
Autor,
Chile,
Lateinamerika,
Liebe,
Literatur,
Politik,
Roman,
Übersetzer,
Wertung - 5 Bücher
Dienstag, 26. März 2013
Leonardo Sciascia :"Der Tag der Eule"
Leonardo Sciascia :
"Der Tag der Eule" - ein sizilianischer Kriminalroman
original 'Il giorno della civetta'
1961, Giulio Einaudi editore, Turin
erste deutsche Übersetzung : 1964, Walter-Verlag, Olten
1998 Paul Zsolnay Verlag, Wien
2009, Wagenbachs Verlag Taschenbuch 619
aus dem Italienischen von Arianna Giechi
131 Seiten
2 Seiten Nachbemerkung, in der darauf hingewiesen wird, daß Ähnlichkeiten von Personen und Ereignissen mit lebenden Personenen zufällig sind
2 Seiten Anmerkungen, die sich auf Titel der Polizei, und Personen oder Ereignisse beziehen die kurz genannt werden
ISBN 978-3-8031-2619-1
Der Bauunternehmen Colasberna möchte in einen Bus steigen und wird erschossen. Bis die Polizei in den sizialinischen Dorf am Tatort ist, sind alle verschwunden und niemand kann sich an den Mörder erinnern. Capitano Bellodi aus dem Norden Italiens kommend, ist ein ruhiger besonner gescheiter Mensch und wird mit der Untersuchung beauftragt. In zähen Gesprächen, und mit teilweise gefälschten Geständnissen verlockt er den Mörder und seinen Komplizen ihre Taten zumindest kurzfristig zuzugeben. Hauptgeschichte ist aber das Entdecken, daß Geldleihe und gute Freundschaft zu einem ziemlich Machtkomplex bilden. Das Netzwerk läßt die Gständisse an wunderbar konstruierten Alibis zerplatzen. Parallel wird die Geschichte eines verschwundenen Nachbarns geschickt hineinerzählt.
Das Buch ist nicht einfach und rasch gemütlich zu lesen. Die Sätze sind konzentriert und bei manchen Dialogen wird die Spannung sehr geschickt aufgebaut, sodaß ich zurückblättern und nochmals nachlesen mußte um den Schlagabtausch der Parteien zu verfolgen.
Es ist ein Italienbuch, das ohne Landschaftsschilderungen, oder Fokus auf wunderbares Essen auskommt. Es geht um Menschen, um Gruppen und Gruppendynamiken. Faszinierend hartherzig wie Don Mariano die Menschen in fünf Guppen aufteilt: die Menschen (sehr selten), die Halbmenschen (selten), die Menschleins. die Arschkriecher und die Blablablas (Anm: hier hätte ich gerne das italienische Originalwort gelesen)(die meisten).
Der Titelgebung bezieht sich auf ein Shakespeare Zitat. In Heinrich VI heißt es "... so wie bei Tag die Eule ...."
Der Roman ist 1968 verfilmt worden - mit Franco Nero als Capitano Bellodi, Lee C. Cobb als Don Mariano und Claudia Cardinale als Rosa (die ich im Buch nicht gefunden habe)
In Summe ein empfehlenswertes Buch, jedem Italien-Fan sowieso aber auch politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen vermutlich ein Genuß sein wird.
Leonardo Sciascia (* 8. Jan.1921 Sizilien - + 20. Nov.1989 Palermo) war zuerst Volkschullehrer, eher er Schriftsteller wurde. Er galt als einer der ersten der Mafia-Romane schrieb. 1975 bis 1997 war er für die PCI /Partito Comunista Italiano Abgeordneter, trat dann zurück und zog 1978 fürdie Radikalen (Partito Radicale) ins Europaparlament.
"Der Tag der Eule" - ein sizilianischer Kriminalroman
original 'Il giorno della civetta'
1961, Giulio Einaudi editore, Turin
erste deutsche Übersetzung : 1964, Walter-Verlag, Olten
1998 Paul Zsolnay Verlag, Wien
2009, Wagenbachs Verlag Taschenbuch 619
aus dem Italienischen von Arianna Giechi
131 Seiten
2 Seiten Nachbemerkung, in der darauf hingewiesen wird, daß Ähnlichkeiten von Personen und Ereignissen mit lebenden Personenen zufällig sind
2 Seiten Anmerkungen, die sich auf Titel der Polizei, und Personen oder Ereignisse beziehen die kurz genannt werden
ISBN 978-3-8031-2619-1
Der Bauunternehmen Colasberna möchte in einen Bus steigen und wird erschossen. Bis die Polizei in den sizialinischen Dorf am Tatort ist, sind alle verschwunden und niemand kann sich an den Mörder erinnern. Capitano Bellodi aus dem Norden Italiens kommend, ist ein ruhiger besonner gescheiter Mensch und wird mit der Untersuchung beauftragt. In zähen Gesprächen, und mit teilweise gefälschten Geständnissen verlockt er den Mörder und seinen Komplizen ihre Taten zumindest kurzfristig zuzugeben. Hauptgeschichte ist aber das Entdecken, daß Geldleihe und gute Freundschaft zu einem ziemlich Machtkomplex bilden. Das Netzwerk läßt die Gständisse an wunderbar konstruierten Alibis zerplatzen. Parallel wird die Geschichte eines verschwundenen Nachbarns geschickt hineinerzählt.
Das Buch ist nicht einfach und rasch gemütlich zu lesen. Die Sätze sind konzentriert und bei manchen Dialogen wird die Spannung sehr geschickt aufgebaut, sodaß ich zurückblättern und nochmals nachlesen mußte um den Schlagabtausch der Parteien zu verfolgen.
Es ist ein Italienbuch, das ohne Landschaftsschilderungen, oder Fokus auf wunderbares Essen auskommt. Es geht um Menschen, um Gruppen und Gruppendynamiken. Faszinierend hartherzig wie Don Mariano die Menschen in fünf Guppen aufteilt: die Menschen (sehr selten), die Halbmenschen (selten), die Menschleins. die Arschkriecher und die Blablablas (Anm: hier hätte ich gerne das italienische Originalwort gelesen)(die meisten).
Der Titelgebung bezieht sich auf ein Shakespeare Zitat. In Heinrich VI heißt es "... so wie bei Tag die Eule ...."
Der Roman ist 1968 verfilmt worden - mit Franco Nero als Capitano Bellodi, Lee C. Cobb als Don Mariano und Claudia Cardinale als Rosa (die ich im Buch nicht gefunden habe)
In Summe ein empfehlenswertes Buch, jedem Italien-Fan sowieso aber auch politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen vermutlich ein Genuß sein wird.
Leonardo Sciascia (* 8. Jan.1921 Sizilien - + 20. Nov.1989 Palermo) war zuerst Volkschullehrer, eher er Schriftsteller wurde. Er galt als einer der ersten der Mafia-Romane schrieb. 1975 bis 1997 war er für die PCI /Partito Comunista Italiano Abgeordneter, trat dann zurück und zog 1978 fürdie Radikalen (Partito Radicale) ins Europaparlament.
Montag, 11. März 2013
Claudia Pineiro : "Betibú"
Claudia Pineiro :
"Betibú"
Roman
original "Betibú"
2011, Alfaguara Argentia, Buenes Aires
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2013, Unionsverlag
333 Seiten
ISBN 978-3-293-00453-5
In diesem Kriminal-Roman wird in schöner Sprache mit schöner und dichter Stimmung eine Geschichte um Frauen um die 50, Schriftstellerei versus Journalismus und Morde die auf uraltes Unrecht zurückgehen geschildert. Die Schilderungen der Menschen und Umgebung ziehen in den Bann und in das Buch fast hinein.
Nurit Iscar, eine schöne 50-jährige Frau, geschieden, 2 Söhne, ehemals erfolgreiche Krimischriftstellerin, wird nach drei Jahren Mißerfolg wegen ihres gescheiterten Versuchs einen Liebesroman zu schreiben beauftragt über einen Mord in einer mehr als geschützten Wohnsiedlung, mit dem irreführenden Namen 'La Maravillosa' zu berichten. Ihr Ex-Liebhaber, Herausgeber einer wichtigen Zeitung, überredet sie dazu. Er gibt ihr einen jungen, noch unbedarften Journalisten zur Seite, der sich Jaime, einen Journalisten der alten Schule, der abserviert werden soll, als Hilfe mitnimmt. Das Team erkennt zunehmend, daß einige Menschen in den Mord verwickelt sind und bereits einige aus einer ehemaligen Männerfreundschaftsrunde Unfällen zum Opfer gefallen sind. Ihnen wird auch einiges klar, und sie haben Glück, daß sie nicht in sogenannte Unfälle produziert durch Mächtige verwickelt werden.
Es ist gespenstisch wie die Kontrollen an der Eingangspforte zu der geschützten Wohnsiedlung geschildert werden. Alles wird kontrolliert: nicht nur Ausweis, sondern auch Autoversicherung und Handy. Die, die dort arbeiten dürfen, werden noch mehr kontrolliert. Innen drin leben die Menschen in einer großzügigen Anlage mit viel Comfort. Daß auch Menschen in Buenos Aires leben, die viel weniger haben, wird aus dem Roman nicht ausgespart.
Schön sind die Personen geschildert, v.a. die Freundinnen um Nurit, die ebenfalls Anfang 50 sind. Die gruppendynamischen Aktionen und wie wer mit auftauchenden Männern umgeht ist humorvoll geschildert. Politik kommt ins Spiel wenn eine dieser Freundinnen, die Schauspielerin ist, meint, daß sie sich nicht mit einem Polizisten treffen (und in ihn verlieben) darf, weil sie vor 30 Jahren in revolutionärem sozialistischem Theater in Buenos Aires gespielt hat.
"Betibú" ist die Aussprache einer sehr weiblichen Comicfigur aus den 30-er Jahren : Betty Boop. Die Hauptfigur des Romans hat diesen Kosenamen erhalten, weil sie mit ihren schwarzen Locken und großen Augen und weiblicher Ausstrahlung dieser Figur entsprochen hat/noch entspricht. Der Exkurs im Buch auf die Weiblichkeit dieser Comic-figur, die Kontroversen um die gezeigte Fraulichkeit und auch Veränderungen mit steigendem Puritanismus sind faszinierend.
Schön fand ich in dem Buch den Bezug auf andere Bücher bzw. Autoren aus bekannter Literatur und mir bis dato unbekannten lateinamerikanischen Autoren. Eine kleine Lese-Liste für mich daraus entstanden.
Ich habe das Buch mit seinen Schilderungen und seinem Plot sehr genossen - auch wenn es kein Happy End im Sinne der Gerechtigkeit gibt, sondern 'nur' menschliches Zusammenfinden.
"Betibú"
Roman
original "Betibú"
2011, Alfaguara Argentia, Buenes Aires
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2013, Unionsverlag
333 Seiten
ISBN 978-3-293-00453-5
In diesem Kriminal-Roman wird in schöner Sprache mit schöner und dichter Stimmung eine Geschichte um Frauen um die 50, Schriftstellerei versus Journalismus und Morde die auf uraltes Unrecht zurückgehen geschildert. Die Schilderungen der Menschen und Umgebung ziehen in den Bann und in das Buch fast hinein.
Nurit Iscar, eine schöne 50-jährige Frau, geschieden, 2 Söhne, ehemals erfolgreiche Krimischriftstellerin, wird nach drei Jahren Mißerfolg wegen ihres gescheiterten Versuchs einen Liebesroman zu schreiben beauftragt über einen Mord in einer mehr als geschützten Wohnsiedlung, mit dem irreführenden Namen 'La Maravillosa' zu berichten. Ihr Ex-Liebhaber, Herausgeber einer wichtigen Zeitung, überredet sie dazu. Er gibt ihr einen jungen, noch unbedarften Journalisten zur Seite, der sich Jaime, einen Journalisten der alten Schule, der abserviert werden soll, als Hilfe mitnimmt. Das Team erkennt zunehmend, daß einige Menschen in den Mord verwickelt sind und bereits einige aus einer ehemaligen Männerfreundschaftsrunde Unfällen zum Opfer gefallen sind. Ihnen wird auch einiges klar, und sie haben Glück, daß sie nicht in sogenannte Unfälle produziert durch Mächtige verwickelt werden.
Es ist gespenstisch wie die Kontrollen an der Eingangspforte zu der geschützten Wohnsiedlung geschildert werden. Alles wird kontrolliert: nicht nur Ausweis, sondern auch Autoversicherung und Handy. Die, die dort arbeiten dürfen, werden noch mehr kontrolliert. Innen drin leben die Menschen in einer großzügigen Anlage mit viel Comfort. Daß auch Menschen in Buenos Aires leben, die viel weniger haben, wird aus dem Roman nicht ausgespart.
Schön sind die Personen geschildert, v.a. die Freundinnen um Nurit, die ebenfalls Anfang 50 sind. Die gruppendynamischen Aktionen und wie wer mit auftauchenden Männern umgeht ist humorvoll geschildert. Politik kommt ins Spiel wenn eine dieser Freundinnen, die Schauspielerin ist, meint, daß sie sich nicht mit einem Polizisten treffen (und in ihn verlieben) darf, weil sie vor 30 Jahren in revolutionärem sozialistischem Theater in Buenos Aires gespielt hat.
"Betibú" ist die Aussprache einer sehr weiblichen Comicfigur aus den 30-er Jahren : Betty Boop. Die Hauptfigur des Romans hat diesen Kosenamen erhalten, weil sie mit ihren schwarzen Locken und großen Augen und weiblicher Ausstrahlung dieser Figur entsprochen hat/noch entspricht. Der Exkurs im Buch auf die Weiblichkeit dieser Comic-figur, die Kontroversen um die gezeigte Fraulichkeit und auch Veränderungen mit steigendem Puritanismus sind faszinierend.
Schön fand ich in dem Buch den Bezug auf andere Bücher bzw. Autoren aus bekannter Literatur und mir bis dato unbekannten lateinamerikanischen Autoren. Eine kleine Lese-Liste für mich daraus entstanden.
Ich habe das Buch mit seinen Schilderungen und seinem Plot sehr genossen - auch wenn es kein Happy End im Sinne der Gerechtigkeit gibt, sondern 'nur' menschliches Zusammenfinden.
Labels:
2011,
2013,
Argentinien,
Autorin,
Frau,
Gesellschaft,
Journalismus,
Krimi,
Lateinamerika,
Literatur,
Roman,
Romanze,
Übersetzer,
Wertung - 4 Bücher
Abonnieren
Posts (Atom)

