Sonntag, 15. September 2024

Francesc Miralles : "Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen"

Francesc Miralles :
"Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen"
Roman
original "Amor en minúscula"
2006, Vergara, Barcelona
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
2010, List Verlag
296 Seiten + 1 Seite Danke
ISBN 978-3-548-60936-2

Samuel lebt sein sehr organisiertes Leben in Barcelona als Literaturdozent für deutsche Sprache & Literatur. Am ersten Jänner sitzt eine Katze vor seiner Türe, nennt sie Mishima und er muß sich um sie kümmern indem er unter anderem eine/n Tierarzt/ärztin sucht. Auf einer Straßenkreuzung begegnet ihm seine Schulliebe, die er seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Zufall führt ihn in genau das Musikgeschäft, in dem diese Frau arbeitet.
Parallel kommt er mit einem Nachbarn ins Gespräch und bemüht sich um dessen Angelegenheiten, während dieser im Krankenhaus ist. Und er hilft einem obdachlosen Professor.
Am Schluß gibt es Liebe.

In fünf Kapiteln denkt, liest, sinniert und läuft Samuel durch sein Barcelona.
Witzig wird es wenn er beschreibt, daß die Studenten nicht mal die rudimentärsten Grundlagen haben und sie nur durchläßt, damit er sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen muß.

Samuel ist für mich leider nicht fühlbar geworden; nur sein Faible für das Wörterbuch der Wörter, deren Bedeutung es nur in einer Sprache gibt, hat mich angesprochen. Die warmherzige Tierärztin war für mich gut spürbar. Die Jugendliebe Gabriele bliebt leider etwas ferne. Unterhaltsam sind der weise wißbegierige Nachbar & Journalist, sowie der Professor der von der geplanten Zukunft schreibt.

Leider ist zu wenig von der Katze geschrieben. 

Ich hatte mir mehr von diesem Roman versprochen, und hatte bei der Liebe doch auf anderes Ende gehofft.

Francesc Miralles Contijoch  wurde am 27. August in Barcelona geboren. Er ist ein Catalanischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer, und Musiker. Er war viel gereist, und hatte sich auf Indien spezialisiert. Sein erster Roman auf katalanisch war 'Perdut a Bombai' (Lost in Bombay) (2001); auf spanisch 'El lector de Kafka', Ed. Océano, 2000. Er hat auch einige Jugend- und Kinderbücher geschrieben.

Freitag, 6. September 2024

Elif Shafak : "Das Flüstern der Feigenbäume"

Elif Shafak :
"Das Flüstern der Feigenbäume"
original "The Island of MissingTrees"
2021, Viking, London
Aus dem Englischen von Michaela Grabungen
2023, Kein & Aber Zürich - Berlin
481 Seiten inkl Prolog + 2 Seiten Einleitung + 5 Seiten Anmerkung der Autorin + 1 Seite Photo Feigenkaktus im Maschenzaun + 2 Seiten Danke + 1 Seite Zitatnachweise + 2 Seiten Glossar (türkisch - griechische Wörter)
ISBN 978-3-0369-6162-0

Ada 'mou' lebt in London. Ihre Mutter Define ist vor kurzem verstorben, und ihr Vater Kostas ist leidenschaftlicher Gärtner und vergäbt seine junge Feige über den Winter unter der Erde.
Die Schwester der Mutter, Meryem, kommt aus Zypern zu Weihnachten nach London - nachdem die Eltern gestorben sind und sie endlich ihre Nichte besuchen darf.
In zeitlichen Sprüngen wird die Geschichte der Aufsplittung Zyperns anhand der Liebe der Türkin Define und des Griechen Kostas, deren Familien sowie eines Männerpaares, die eine Taverne "zur glückliche Feige" führen.
Die Briten verlassen die Insel, und das frühere Zusammenleben weicht bewaffneten Konflikten, sowie mehr oder weniger offenen Morden auf der Straße, die auch zivile Personen Kollateralschäden sind.
Die junge Liebe muß heimlich bleiben, Kostas wird außer Landes geschickt, als er später zurückkommt findet er Delfine beim Aufarbeiten von Massengräbern, die Liebe ist stark, die beiden reisen nach London aus mit einem Zweig des Feigenbaums aus der alten verbrannten Taverne.

Einige Kapitel sind aus der Sicht des / der Feigenbäume geschrieben : einige aus der Sicht des Feigenbaums in der Taverne, einige aus der Sicht des Ablegers in London. Die Perspektive ist durchaus nicht uninteressant, nur wird es mir am Schluß etwas zu kitschig.

Stark fand ich die Kapitel in denen die Geschichte der Teilung der Insel erzählt wird, und was es mit den Menschen vor Ort hier fiktiv aber vermutlich nicht unrealistisch gemacht hat. Es stellt sich die Frage, wie Versöhnung möglich sein kann.

Es war interessant die unterschiedlichen Charaktäre Ada in ihrer verletzten Pubertät zu lesen und wie die Tante aus Zypern mit Buntheit, fröhlichem Essen aber auch Geschichte der Familie schafft an die junge Frau doch heranzukommen.

Stark fand ich die Nebengeschichte des freundlichen hilfsbereiten Männerpaares, die auch türkisch-griechisch sind, und die eigentlich nur eine Taverne führen möchten. In manchen Regimen ist nicht einmal das möglich.

Das Glossar ist gut - ich wünschte es nur gerne um die Kochrezepte ergänzt.

In Summe ein Roman der mich lange fasziniert hat, nur am Schluß zu sehr ins happy end abgebogen ist.

Elif Şafak wurde am 25. Okt 1971 in Straßbourg als Elif Bilgin geboren ; international meist Elif Shafak geschrieben. Nach der Trennung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter zur Großmutter nach Ankara.
Sie studierte "Internationale Beziehungen" und "Politikwissenschaft" in Ankara. Ab 2006 arbeitete sie als Gastdozentin an der Abteilung für Nahost-Studien in Tucson. Shafak hat an verschiedenen Universitäten in der Türkei, den USA und im Vereinigten Königreich gelehrt, darunter am St. Anne’s College der Universität Oxford, wo sie Ehrenmitglied ist.
Literarisch debütierte Elif Shafak mit der 1994 veröffentlichten Erzählung 'Kem Gözlere Anadolu'. Ihr erster Roman 'Pinhan' erschien 1997. Ein erster Durchbruch gelang ihr mit dem Roman 'Şehrin Aynaları' ('Spiegel der Stadt').

Dienstag, 20. August 2024

Michael Köhlmeier : "Matou"

Michael Köhlmeier :                                                                                          
"Matou"
2021, Hanser Verlag
947 Seiten + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-446-27079-4 

Matou ist ein hübscher roter Kater mit weißer Schwanzspitze, der bereits in seinem ersten Leben entdeckt, daß er menschliches Sprechen lernen kann. Später lernt er auch Lesen, und liest sich im Laufe des Romans durch die Enzyklopädien, Romane, Philosophischen Traktate der Weltgeschichte des Menschen.
Im ersten Kapitel lebt er zur Zeit der französischen Revolution bei Camille Desmoulins, dessen Frau, Kind und Schwiegermutter und lernt auch die wichtigen Menschen der französischen Revolution kennen. Der Kater lernt Liebe, Romantik, Charme, Machtspiele kennen. Und menschliches Sprechen
Für das zweite Leben sucht er sich das Leben bei E.T.A. Hoffman und seiner Frau aus. Hier lernt er Lesen. Hoffmans Frau ist allerdings sehr mißtrauisch. Später unternimmt er eine Schiffreise, überlebt im Dschungel und perfektioniert sein intrigantes Spiel indem er Menschen gegeneinander aufhetzt.
Im dritten Leben lebt er auf einer Insel mit anderen Katzen, schwingt sich mit einigen Schlägerkatzen um Diktator auf, hält manipulative Reden, erzählt eigenartige Narrative und kommt am Schluß drauf, daß ihn auch das nicht interessiert.
Im vierten Leben ist er in Afrika und lebt als Leopard, erzählt die Übergriffe aus dem belgischen Königreich auf deren Kosten viele Menschenleben gingen und zieht mit einem verstümmelten Mädchen als Albtraumerinnerung durchs Land.
Das fünfte Leben ist in Prag bei einem Ehepaar mit dick gefüllter Bibliothek, deren Enzyklopädie er liest. Paulina Bartok ist eine sensible Künstlerin, die das Wilde sucht. Bei Kriegsausbruch 1914 ist alles vorbei.
Sein sechstes Leben verbringt er in den USA, was für europäische Katzen sehr ungewöhnlich ist. Er hat sich Andy Warhol ausgesucht, weil er sich ein luxuriöses Leben gewünscht hat und eine große Bibliothek, was beides nicht geklappt hat.
Im siebenten Leben ist er in Wien, und wohnt bei einer netten älteren Frau und ihrem etwas faden Neffen, den er bereits als Kind tröstet. Der Neffe studiert Philosophie und der Kater hilft ihm dabei, und versucht ihm die Wichtigkeit von Charme beizubringen.

Zwischen den verschiedenen Leben erzählt der Kater vom Leben im "Weggemachten" mit den anderen Katern und Katzen in der Zeit zwischen den sieben (europäische Katzen) bis neun (amerikanische Katzen) Leben der Katzen.
Eine der Katzen merkt sich wie Matou (wie er sich selbst nennt, auch wenn ihm Menschen anderen Namen geben) die verschiedenen Leben; Fragnichtchen ist eine schöne Katze mit blauen Augen, die Matou vom dritten bis fünften Leben immer wieder trifft.

Die Geschichte ist aus Ich-Sicht des Katers geschrieben, und springt dementsprechend auch in den Erzählebenen, und es gibt jede Menge Hinweise auf andere Leben.

Es gibt lange Abhandlungen über den "Charme", wer ihn hatte oder gehabt haben mag, und wie man Charme lernen kann. Viel ist über Macht und Machtspiele zu lesen. Matou vergräbt sich auch in die Werke der großen Philosophen und versucht damit den Menschen zu entschlüsseln, denn ihm bleibt immer unklar warum manches für Menschen wichtig ist und einiges nicht.

Da ich zugegebenermassen den Stil des Autors sehr mag habe ich mich in die langen Sätze, komplizierten Schachtelungen gerne eingelassen.
Es gibt viele Hinweise und lange Leselisten für weiterführendes Lesen.

Ich habe fast drei Jahre an diesem Buch gelesen, das mich zwar sehr interessiert hat im Sinne von wie geht es weiter, mußte aber meinen Widerwillen gegen diesen obergescheiten arroganten intriganten und eigentlich mir nicht sympathischen "Kater" kämpfen.

In Summe ein wunderbares Buch, das mich viele Stunden gut unterhalten und in den Bann gezogen hat.

Michael Johannes Maria Köhlmeier wurde am 15. Oktober 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren. In den 70-er Jahren begann er mit Hörspielen, in den 80-er Jahren wurden die ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlicht.

Freitag, 16. August 2024

Radek Knapp : "Herr Kuka's Reiseempfehlungen"

Radek Knapp :
"Herr Kuka's Reiseempfehlungen" 
1999, Piper Verlag
   Seiten
ISBN 978-3-492-23311-8

Waldemar möchte die Welt sehen, und schafft es durch die Hilfe seines Nachbars - Herrn Kuka - nach Wien. Herr Kuka hatte ihm Reisetips und Geschenke mitgegeben, die ihm auch Probleme machen. 
Die Schilderungen des klapprigen Reisebuses und der Reisegefährten ist bereits unterhaltsam-abenteuerlich. In Wien geht fast alles schief was er beginnt : die Arbeitssuche ist erfolgslos, er entkommt mit Glück der Polizei, und beginnt im Belvedere Garten zu übernachten.
Mit Glück bekommt er Arbeit in einem Spielzeuggeschäft am Mexikoplatz und lernt die attraktive Freundin des Geschäftsbesitzers kennen.
Nach einigen Verwicklungen passen Arbeit und Liebe für Waldemar zusammen.

Das Wien Anfang der 90-er, zu dem diese humorvolle Geschichte erzählt wird, ist das ohne Handy und mit viel Gefühl für etwas ungesetzliche Geschichten.
Der Besuch der Hausbesitzerin bei der Wohngemeinschaft von Waldemar und den beiden anderen Herren ist köstlich beschrieben.

In Summe ein sehr unterhaltsames Buch, mit immer wieder herrlich skurrilen Situationen.

Radek Knapp wurde am 3. August 1964 in Warschau geboren. 1976 zog er zu seiner Mutter nach Wien, und studierte hier. Der Durchbruch als Autor gelang ihm 1994 mit dem  Erzählband 'Franio'.

Mittwoch, 14. August 2024

Beate Maly : "Tod am Simmering"

Beate Maly :
"Tod am Simmering"
2016, Emons Verlag
262 Seiten + 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-95451-995-8

Ernestine Kitsch, eine pensionierte Lateinlehrerin, erhält Karten für einen Tango-Kurs in einem illustren Hotel am Simmering, und hat als Begleitung den Apotheker Anton Böck auserkoren. Im Hotel treffen sie auf einen Arzt und seine Schwester, eine Bankierswitwe und Sohn, Industriellen Ehepaar und Industriellen Familie, einen Chemiker, das Tanzpaar und seine Musiker und sehr wenig Personal im Hotel. Bereits am ersten Abend prallen die Temperamente und intolerante arroganten Manieren aufeinander, was Ernestine mit Neugier für Menschen lebhaft stimmt. In der ersten Nacht wird ein besonders unangenehmer Mann ermordet und alle Beteiligten finden sich eingeschneit im Hotel. Ernestine organisiert mit ihrer natürlichen Autorität Untersuchungen und Gespräche, ein zweiter Mord passiert, bis am Schluß die Lösung kommt.

Neu für mich waren die Informationen, daß Ende des ersten Weltkrieges chemischen Waffen in Kombination eingesetzt wurden, das "Buntschießen" genannt wurde und hier viele Soldaten und Zivilisten um eine weitere erbärmliche Art starben; einige wurden mit diesen chemischen Versuchen reich.

In die Kriminalgeschichte ist eingebaut, daß die sozialistische Arbeiterpartei Zulauf erhält damit Kinder überhaupt und bessere Ausbildungen erhalten (können). 

Die Typen und Menschen dieser Geschichte sind schön und detaillreich geschildert, ohne zu ausführlich zu werden. 

Eine Liebesgeschichte bahnt sich auch, und auch die zarten Bande zwischen Ernestine und Anton werden stärker.

Meist ist das österreichische Deutsch gewahrt, allerdings geht man in Österreich nicht die Treppe 'hoch', sondern die Stiegen 'hinauf'; leider ist hier das deutsche Lektorat zu hart vorgegangen, denn 'hoch gehen' heißt in Österreich wütend werden.

In Summe ist der Kriminalroman sehr gut geschrieben, er unterhält und informiert. Viel Freude beim Lesen !

Mittwoch, 31. Juli 2024

Max Aub : "Die Stunde des Verrats"

Max Aub
"Die Stunde des Verrats" - Das Magische Labyrinth IV
Roman
original "Campo del Moro"
1963
Aus dem Spanischen von Albrecht Buschmann und Stefanie Gerhold
Herausgegeben und kommentiert von Mercedes Figueras
2001/2003, Piper Verlag GmbH München
300 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 43 Seiten Anhang Anmerkungen von Mercedes Figueras + 5 Seiten Nachwort
ISBN 3-492-21791-0

Auf sieben Kapiteln von 5. bis 13. März 1939 wird in einem Gemisch aus Geschichte und deren realen Personen und manchen fiktiven Menschen wie Politiker verschiedener Parteien und Gruppen versuchen die Menschen in Spanien, hier konzentriert eher Madrid, gegen die Truppen Francos zu schützen bzw die Übergabe für die Menschen erträglich zu machen.
Dieser Roman konzentriert sich auf die Menschen die vor Ort leben und Politiker der sozialistischen und kommunistischen Parteien. Die Seite Francos wird nicht erzählt - es ist nur klar, daß es kein Erbarmen bei der Übernahme der Städte für die  Bevölkerung und Gegner geben wird.

Die 43 Seiten mit Anmerkungen zu den Figuren sind für mich essentiell gewesen, da es hier genaue Informationen über echte und fiktive Personen gibt, was bei den vielen unterschiedlichen Charakteren wichtig ist.

Am Anfang des Buches gibt es manchmal noch Hoffnung, einzelne Menschen kämpfen für ihre Ideale und Spanien. Hunger wird auch beschrieben : eine Brotkante wird zum Luxusessen.
Am Schluß gibt es nur Flucht, Hektik, zerbrochene Hoffnungen und Werte.

Spannend ist die gescheiterte Politik, in der sich die sozialistische Partei und kommunistische Partei auch nicht einmal zugunsten der Menschen auf gemeinsames Handeln zusammen finden, und selbst fliehen.

Mehr geht mir das Schicksal einzelner (fiktiver) Personen unter die Haut, die sich in die Esoterik oder Liebe retten, wobei die Liebe meist schlecht ausgeht. Es bleibt viel Traurigkeit, Zerstörung und tote Menschen übrig.

Der Roman ist intensiv geschrieben und ließ mich nicht kalt, auch wenn ich das Buch mindestens nocheinmal lesen muß in der Hoffnung die Handlungsstränge besser zu verstehen.

Max Aub, auch Max Aub Mohrenwitz, wurde am 2. Juni 1903 in Paris geboren und war ein spanischer Schriftsteller französischer Herkunft mit deutschen Vorfahren. Er schrieb spanisch, und organisierte Theater in Spanien. Juli 1936 wurde Honorarkonsul im Frankreich und erteilte den Auftrag zu "Guernica" an Pablo Picasso. 1940 wurde er in Spanien denunziert, verhaftet und konnte 1942 nach Mexico ausreisen. Lange wurde ihm ein Besuch in Spanien verwehr, erst 1969 durfte er wieder kurz zu Besuch kommen. Er starb am 22. Juli 1972 in Mexiko Stadt.
'Das magische Labyrinth
' („El laberinto mágico“) schrieb er zwischen 1943 und 1968, und besteht aus sechs Bänden zum spanischen Bürgerkrieg.

Montag, 15. Juli 2024

Pedro Almodóvar : "Der letzte Traum"

Pedro Almodóvar :
"Der letzte Traum" - Zwölf Erzählungen
original " El último dueno"
2023, Penguin Random House Gruop Editorial, Barcelon
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
2024, S. Fischer Verlag
214 Seiten inkl Vorwort + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + Lesebändchen
ISBN 978-3-10-397569-7

In den Buch sind zwölf sehr unterschiedliche Erzählungen über längeren Zeitraum zu sehr verschiedenen Themen zusammengestellt. Im Vorwort erklärt der bekannte Regisseur, daß er nie eine Autobiographie schreiben wollte und diese Erzählungen als Teil eines Tagebuch sieht, daß er Ideen für seine Filme vorgreift oder sie auf diese Art anders abschließt.

Der Besuch - eine attraktive und sehr hergerichtete junge Frau geht in einem ländlichen Dorf in die Kirche mit angeschlossenem Internat und verwickelt den ehemaliger Pater jetzt Direktor in ein Gespräch. Sie zeigt ihm Texte des Bruders, indem er über die sexuellen Übergriffe der Patres aus seiner Kindheit und seine Verwirrung daraus zählt.  Die letzte Wendung der Geschichte überrascht, oder eigentlich bei Almodovar nicht.

Zu viele Geschlechtsumwandlungen - es geht um Leon, Schauspieler und Geliebter und Partner, und vielen Varianten von Endstation Sehnsucht (zumindest ist es das, was mir am stärksten in Erinnerung blieb)

Die Spiegelzeremonie - Graf Dracula und der Abt eines strengen Klosters finden zu eine eigenartigen Symbiose.

Johanna, das Wahnröschen - Johanna, spanische Köngistochter, fällt nach dem Stich einer Nadel in riefen Schlaf, ihre Eltern organisieren den Niederländischen Prinzen sie wach zu küssen, leider stirbt ihr Ehemann und sie meint daß er nur schläft und wird von ihrem Vater in einem Schloß eingesperrt. Jahre später holen sie Revolutionäre und sie ist Königin. Die Vermischung der spanischen Geschichte um Johanna die Wahnsinnige gemischt mit Dornröschen ist faszinierend.

Der letzte Traum (2002) - über seine Mutter, die ihm den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion beibrachte, und daß Fiktion das Leben erträglich macht(e).

Leben und Tod von Miguel - Miguel erlebt sein Leben vom Tod rückwärts, er wurde erschossen, schrieb Literatur, wollte mit einer Frau ins Ausland gehen, und alles läuft zurück bis er wieder im Schoß seiner Mutter ist und sich niemand mehr an ihn erinnert. Faszinierend erzählt !

Bekenntnisse eines Sex-Symbols (1979) - Patty Diphusa, eine grandiose Porno-Darstellerin, erzählt über das Leben mit Männer, Drogen, Schmuck und Machtspiele. 

Bittere Weihnachten - eine erfolgreiche Regisseurin kämpft mit Hilfe ihres Freundes gegen gräßliche Schmerzen und vergißt diese erst als sie bei einer guten Freundin und deren Tochter ist, und Musik von Chavela Vargas La Lorrona spielt.

Adieu, Vulkan - ist eine Liebeserklärung an das Leben der mexikanischen Diva Chavela Vargas La Lorrona.

Die Erlösung - eine Variante von Jesus ist auf der Erde, spricht zu den Menschen und lernt hier im Gefängnis Barbaras kennen. Auch hier wird Barbaras freigesprochen, das Ende ist aber nicht das was in der Bibel steht sondern ein Bekenntnis zu Freundschaft zwischen sehr verschiedenen Menschen die sich einander angeglichen haben.

Erinnerung an einen leeren Tag - es ist Gründonnerstag und er schreibt über Andy Warhols Tagebücher, über Slimani die sich in die Dugan in Venedig einschließen läßt um kreativ zu sein, und daß das für ihn gar nicht geht, denn er braucht die Menschen um sich, auch wenn er es verabsäumt hat Freundschaften zu pflegen.

Ein schlechter Roman (2022) - ist ein Diskurs ob jemand der keinen Roman schreiben kann, nicht Drehbuchautor sein kein (nein), und endet dabei das Drehbücher und Roman ganz unterschiedliche Stärken haben und Drehbuchautor nahe dem Geschehen sein muß, während sich der Schriftsteller vergraben kann. 

Ich war fasziniert von den vielen Büchern und Autoren, die Almodovar hier zitiert und werde mir das Buch nochmals durchlesen und die Bücher für mich herausschreiben (in der Hoffnung sie zu lesen).

Nachdem ich zwischen Erzählungen immer wieder Pausen mache, habe ich über das Leben von Chavela Vargas nachgelesen und mir einige Canciones in ihrer sehr markanten intensiven Stimme angehört. Die Stimme macht bei mir Gänsehaut.

In Summe eine Sammlung für mich intensiven, starken Erzählungen, die ich gerne weiterempfehle. Viel Freude beim Lesen !